Im Ausland authentisch?

Ein paar Monate im Ausland verändern einen. Vielleicht habt ihr diese Erfahrung schon selbst gemacht, vielleicht habt ihr es an euren Kommilitonen oder Freunden gesehen. Ich bin erst ein paar Wochen in Dublin, stelle aber tatsächlich fest, dass ich irgendwie anders bin als zu Hause. Wer bin ich hier eigentlich? Und vor allem, ist das authentisch oder unecht?

Alles anders

Warum ist man überhaupt anders? Wer schon mal länger im Ausland war, weiß: Weil alles um einen herum anders ist. Meine ganze Aufmerksamkeit ist gefordert, um in der neuen Stadt, auf der neuen Arbeit, in der neuen Kultur zurecht- und hinterherzukommen. Noch dazu findet man sich in einem komplett neuen sozialen Umfeld wieder. Hier die Mittagspause mit Kollegen, dort ein Abend im Pub, ganz zu schweigen von der Alltagsflucht am Wochenende mit einem meist ziemlich vollen Programm. Wie sich das auf mein Verhalten auswirkt? Nun, ich bin gezwungenermaßen aktiver. Ich rede mehr, unternehme mehr, feiere mehr. Ruhe, Routine, Reflexion rücken in den Hintergrund. Bin ich dabei eigentlich noch ich selbst?

Spieglein, Spieglein

Was mir bei meiner kritischen Selbstbetrachtung hilft, ist mein Spiegelbild in Form von den neuen Leuten um mich herum (ganz zu schweigen von der mit Abstand wichtigsten Säule bestehender Freundschaften natürlich!). Bisher habe ich das Gefühl, dass sie nicht viel anders auf mich reagieren als die Menschen zu Hause – ich gelte vielleicht nur als etwas leutseliger. Ansonsten sehe ich an den anderen, dass jeder seine ganz eigene Art hat, mit der Erfahrung Auslandsaufenthalt umzugehen. Und dass es jeden einzelnen verändert. Manche nehmen alles mit und leben ihr Leben als einzige Party, andere brauchen häufig Ruhepausen oder Ausflüge allein. Ich bin dankbar für diese Orientierung und sehe mich wohl irgendwo dazwischen.  Ich möchte Neues erleben, aber auch nicht den Draht zu mir selbst verlieren. Was ich tue, um mir selbst treu zu bleiben? Neben den vielen sozialen Unternehmungen nehme ich Rücksicht auf meine Bedürfnisse, auch wenn sie öfters mal zu kurz kommen – eine kurze Pause zwischendurch ist besser als gar keine! Außerdem ist es mir wichtig, dass meine Beziehungen nach Hause (allen voran die Freundschaft zu Iris) konstant und stabil bleiben – das war einer meiner wichtigsten Vorsätze, bevor ich hierhergekommen bin. Mein Tipp für Auslandsinteressierte: Seid einerseits offen und positiv gegenüber allem Neuen, setzt aber auch klare Prioritäten bezüglich der Menschen, Werte und Pläne in eurem Leben!

Authentisch im Ausland
Egal auf welchen Weltmeeren ihr unterwegs seid – euer Spiegelbild begleitet euch. Ihr müsst es nur wahrnehmen!

Rolle oder Facette?

Woher weiß ich aber sicher, dass diese Person, die so aussieht wie ich, aber ein bisschen anders handelt als ihr Pendant in Deutschland, keine Rolle ist? Das wäre schließlich gut möglich, denn wo könnte man besser jemand ganz anderes sein als im Ausland, in dem niemand weiß, wie man zu Hause ist? Dagegen spricht, dass ich mich wohl fühle, so, wie ich eben handle. Ich bejahe mein Verhalten innerlich. Diese Kombination aus Bauchgefühl und Verstand beruhigt mich mit der Gewissheit, dass ich lediglich eine neue Seite an mir entdecke, die meinen anderen Facetten nicht widerspricht. Ich würde sagen, dass ich einfach meine Reizschwelle, meinen Horizont und meine sozialen Grenzen erweitere. Und dass ich hier zwar mehr auf mein Energielevel Acht geben muss als zu Hause, mir das Leben aber andererseits leichter vorkommt. Authentizität hat meiner Meinung nach nichts mit dem aktuellen Aufenthaltsort oder der Lebensweise zu tun – die Umstände erschweren lediglich das innere Gleichgewicht. Also, solange ihr euch weiterhin reflektiert (auch mithilfe eurer Mitmenschen) und Prioritäten setzt, könnt ihr auch im Ausland authentisch sein!

Habt ihr die Erfahrung gemacht, dass ihr selbst oder Bekannte von euch im Ausland anders sind/ waren als zu Hause? Wo seht ihr die Grenze zwischen Facette und Rolle? Was sind eure Tipps, um auch im Ausland authentisch zu sein?

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