Ich, ich und ich

Habt ihr schon mal von der Transaktionsanalyse gehört? Nein, dabei geht es nicht um endlose Exceltabellen, die sich eines Nachts mal mit undurchsichtigen Kontoauszügen vergnügt haben. Sondern um ein von Psychiater Eric Berne im Jahr 1964 entwickeltes Modell über unsere Kommunikationsweise.

Mit ihr sollen Menschen in der Lage sein, ihre Wahrnehmung und Interaktion zu reflektieren. Ein Teil der Theorie besagt, dass wir aus drei verschiedenen Ich-Zustanden heraus handeln: dem Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich (wer zur gesamten Transaktionsanalyse gleich weiterlesen möchte, gelangt hier zum entsprechenden Wikipedia-Eintrag).

  1. Eltern-Ich: Sprechen wir aus dem Eltern-Ich, so sind wir der anderen Person gegenüber bevormundend, herablassend, tadelnd, bemutternd. Sätze wie „Du musst …!“ und „Halb so schlimm …“ stehen auf der Tagesordnung, je nachdem, ob wir ein kritisches oder fürsorgliches Eltern-Ich in uns tragen.
  2. Erwachsenen-Ich: Diese Art zu kommunizieren ist objektiv, sachlich, aufmerksam, autonom, selbstbewusst, klar und trocken. Die Beantwortung der W-Fragen und wertschätzende Formulierungen wie „Meiner Ansicht nach …“ machen das Erwachsenen-Ich zum optimalen Gesprächszustand im beruflichen Umfeld.
  3. Kind-Ich: Zustände aus unserer Kindheit werden reaktiviert, oft wird sich dann sehr infantil, unbedarft und vor allem emotional geäußert. In diesem Beitrag möchte ich speziell auf die Kommunikation mit Kind-Ichs eingehen.

Denn früher agierte ich regelmäßig aus dem Kind-Ich heraus, vor allem im Teenageralter spielten Unsicherheiten und mangelndes Selbstbewusstsein eine große Rolle. Man sucht sich einen Erwachsenen heraus, an den man sich bedenkenlos klammern und alle Entscheidungen abgeben kann. Als ich so langsam erwachsen wurde (diese Phase habe ich im Blogpost „Wann ist man erwachsen?“ schon mal reflektiert), änderte sich auch meine Kommunikationsweise – meistens jedenfalls und es ist von Person zu Person unterschiedlich, in welche Rolle man schlüpft. So kann ich bei Freund A stets aus dem Erwachsenen-Ich sprechen und bei Freund B zum Kind-Ich mutieren.

In Uni und Wohngemeinschaft fiel es mir schließlich immer öfter auf, wenn sich andere Personen mit ihrem Kind-Ich identifiziert haben. Übertriebene Höflichkeit, bockiges Trotzen und egoistische Ausrufe führen bei mir fast automatisch zu einem genervten Eltern-Ich. Konstruktive Kritik wird zudem emotional aufgefasst, was die Zusammenarbeit ungemein erschwert. Vor allem bei jungen Frauen scheint dies häufig vorzukommen, aber statt freundlich und vernünftig wirken wir mit diesem Getue infantil und unauthentisch. Eigentlich kein Wunder, wenn das Gegenüber daraufhin aus dem genervten Eltern-Ich spricht, oder?

  • Eltern-Ich: Bleib‘ hier stehen und warte, ich gehe auf die Toilette.
  • Erwachsenen-Ich: Ich gehe kurz auf die Toilette, wartest du bitte hier?
  • Kind-Ich: Gehst du mit aufs Klooooo? (Wie oft ich diesen Satz von Gleichaltrigen schon gehört habe – für mich immer sehr irritierend!)

Angepasst, rebellisch oder frei?

Beim Kind-Ich kann man nochmal zwischen drei verschiedenen Formen unterscheiden.

Angepasstes Kind-Ich: Schuldbewusst, vorsichtig, scheu, folgsam, bescheiden, hält Regeln ein, unterdrückt Gefühle. Häufigste Sätze: Das passiert immer nur mir, Tut mir leid, Immer ich, Ich weiß nicht, Wenn du meinst, Ich wollte doch nur, Ich werde versuchen.

Rebellisches Kind-Ich: Aufsässig, aggressiv, stur, quengelig, wütend, launisch, trotzig, frech, regt sich über Stärkere auf. Häufigste Sätze: Das lasse ich mir nicht gefallen!, Hau ab!, Lass mich!, Ohne mich!, Macht das doch alleine!

Freies Kind-Ich: Unbekümmert, spontan, ausgelassen, kreativ, offen, neugierig, fantasievoll, egoistisch, rücksichtslos. Häufigste Sätze: Ich will, Ich habe Lust auf, Ich wünsche mir, Ich mag dich, Wow!, Toll!, Geil!

Es heißt ja häufig, dass wir unser inneres Kind bewahren und pflegen sollen. Dem würde ich insofern zustimmen, dass man zwischen den drei Zuständen aktiv switchen kann. Ansonsten bevorzuge ich in Uni, Arbeit und der Alltagskommunikation mit Fremden das Erwachsenen-Ich bei meinem Gegenüber und mir.

Was meint ihr – wo liegt der Grad zwischen Kindsein und Erwachsenwerden? Ertappt ihr euch selbst auch dabei, dass ihr mit manchen Personen anders sprecht als mit anderen?

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