Schubladendenken – Ein Gedankenexperiment

Seid ehrlich – wer von euch würde auf den ersten Blick einen langhaarigen Mann mit schwarzem Metal-Shirt in die Schublade „Mozartliebhaber“ stecken? Was spricht eigentlich konkret dagegen? Ganz einfach, die Schubladen! Wir haben sie alle im Kopf und stopfen fleißig Unterhosen, Mitmenschen und Krimskrams hinein. Manchmal fliegt zwar fälschlicherweise ein Knopf bei den Socken rum, aber ihn richtig einzusortieren bedeutet Aufwand, den wir uns gerne mal sparen.

Da ich gerade eine schwierige (Selbstfindungs-)Phase durchmache, habe ich mir bei meinen üblichen Grübeleien überlegt, in welche Schublade ich mich selbst eigentlich stecken würde. Dass es so nicht funktioniert, war mir natürlich klar. Wir alle haben in Bezug auf uns selbst einen blinden Fleck, können uns also nie komplett aus der Beobachterperspektive analysieren. Jedoch verhalf mir das Gedankenexperiment zu drei wichtigen Erkenntnissen:

  1. Ich bestehe aus mehreren Teilen.
  2. Alle anderen Menschen auch.
  3. Wir sind mehr als die Summe unserer Teile.

Wie viele bin ich?

Ich lade euch herzlich ein, in einer ruhigen Minute, wenn ihr eh auf den Bus warten müsst, das Experiment mitzumachen! Hier sind die Ergebnisse meiner persönlichen Schubladen-Personas, die alle in meinem Kopf wohnen und mich ausmachen (wie immer mit einem Augenzwinkern zu lesen).

Gunther: Gunther ist hochbetagt und darf sich schütteren, weißen Haares erfreuen, das er sich im Eifer des Gefechts meist unterbewusst rauft. Denn der Wissenschaftler lebt seine Mission: Erforsche, analysiere, bewerte! Ob Menschen, Sprache oder Literatur – in Gunthers chaotischem Forschungslabor landet alles irgendwann. Sehr oft ward der Greis im Übrigen nicht gesehen, zu fesselnd dünkt ihm die Schreibtischarbeit …

Sven: Sven zeichnet sich durch knallharten Pragmatismus und pures Testosteron aus. Von Frauen versteht er nichts und auch die Olte daheim nervt ihn mit ihrem Faible für Gemüse, na ja, die „bassd scho“. Aber Haxn und Bier am Wirtshausstammtisch sind einfach besser, vor allem, wenn dort Rock-Antenne im Radio läuft und der Jürgen auch Feierabend hat. Gelegentlich hat er zwar ein kleines Aggressionsproblem, im Großen und Ganzen ist Sven jedoch ein zufriedener Genussmensch, ganz nach dem Motto „bevor ich sterb, a Edelherb“.

Sheldon: Diese Persona ist einfach, sie agiert nämlich genau wie Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory. Gefühle? Ein Rätsel. Verhaltensregeln? Müssen erst definiert werden. Mitmenschen? Lieber Abstand halten.

Gollum: Hinter zugezogenen Vorhängen haust Gollum in seiner Höhle … Man munkelt, dass er im Inneren einen großen Bücherschatzzz beherberge. Ist dieser einverleibt, verlässt er übelgelaunt sein trautes Heim, um krächzend Nachschub zu ergaunern.

Carmen Geiss: Wer kennt sie nicht, die Geissens. Ein bisschen Jetset-Life hier, ein bisschen Blondierung da und zu guter Letzt einen Urlaub dort. Ohne Make-up (on fleek) und pinke Fingernägel verlässt sie niemals ihr Loft, denn Schönsein gehört einfach zum Luxus dazu. Man wird ja wohl noch oberflächlich sein dürfen!

Mr. Bean: Ihm passieren Dinge wie am falschen Bahnhof auszusteigen, seinen vollen Teller fallen zu lassen, über die eigenen Füße zu stolpern, andere Zugfahrgäste anzuniesen, sein Gegenüber mit Kaffee vollzuprusten, aus guten Zutaten eklige Gerichte zu kreieren und stundenlang selbstbewusst die Lederjacke seines Freundes zu tragen, die er für seine eigene hält (und sich auch noch wundert, warum diese plötzlich keine Taschen samt Haustürschlüssel mehr hat).

Schubladendenken - Ein Gedankenexperiment
Fotos: pixabay

Alle(s) richtig einsortiert?

In mir schlummern noch weitere Teile, wie etwa Ordnungsfanatikerin Marie Kondo, der Unordnung ein Graus ist, Persönlichkeitscoach Christian Bischoff, der sein Umfeld mit einem „Auf geht’s!“ motiviert oder Hundetrainer Martin Rütter, der sich am liebsten mit Vierbeinern beschäftigt. Richtig lustig wird es, wenn in mir Sven und Gunther miteinander ringen oder sich Gollum urplötzlich (na gut, er braucht dazu meist Stunden!) in Carmen Geiss verwandelt.

Ergo: Man müsste uns schon zerhacken und die Körperteile einzeln in die Kommode stopfen, damit die Persönlichkeit annähernd richtig einsortiert wird. Aber selbst dann bleiben die Einzelkomponenten voneinander getrennt, denn das Wechselspiel der verschiedenen, vielfältigen Teile wird unterbrochen. Vielleicht stecken mich andere Personen in gewisse Schubladen, ich selbst schaffe es jedenfalls nicht und freue mich stattdessen darüber, dass mein Innenleben so bunt und spannend ist.

Wozu machen wir uns überhaupt die Mühe, statt unsere Mitmenschen so anzunehmen, wie sie sind?

Wer mit der Frage nach seinen Personas noch etwas überfordert ist, kann sich zunächst überlegen, welcher Gegenstand er/sie ist.

Habt ihr euch auch schon mal Gedanken über eure Persönlichkeitsteile gemacht? Wer wohnt bei euch alles im Oberstübchen? Oder euch beim Schubladendenken erwischt?

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