Interview mit einem DJ und Musikproduzenten

Warten statt Fame, Stimmung statt Routine und jede Menge Liebe zur Musik – darum geht es in unserem Interview, diesmal mit DJ und Musikproduzent Sebbo. In diesem neuen Format stellen wir euch Menschen aus dem Alltag vor und blicken hinter die Kulissen – natürlich auf unsere Art!

Zur Person

Aus dem Club dröhnen Beats, die Menge schwitzt und nur einer wahrt einen kühlen Kopf: Sebastian Konrad alias Sebbo, der hinter dem Mischpult die Fäden zieht. Der 35-Jährige ist DJ und Produzent für elektronische Musik – und nebenbei mein großer Bruder. Während es von ihm früher Schranz und Progressive Techno auf die Ohren gab, produziert er heute chillige Klänge im Bereich des Dub-Techno und Deep House, auch als Stockmusic für Medien und Werbung.

„Meine Motivation ist die Liebe zur Musik.“

Sebbo, du bist jetzt seit über 13 Jahren im Geschäft. Wie bist du eigentlich DJ geworden?

Das war keine bewusste Entscheidung. Ich war erst mal Gast auf Szeneveranstaltungen und lernte nach und nach Musik und Veranstalter kennen. Dann kam eine lange Trainingsphase. Du musst ja erstmal lernen, zu mixen und Übergänge zu machen, und das ganze Equipment und Schallplatten kaufen, bis du dein eigenes Set hast. Das hat anderthalb Jahre gedauert. Irgendwann darfst du dann mal am Anfang oder Ende spielen, wenn kaum Leute da sind. Dafür gab es auch keine Kohle, aber du machst das, um besser zu werden, Referenzen zu kriegen und Credibility in der Szene aufzubauen. Dann durfte ich endlich in einem damals legendären Underground-Club auflegen, der gerammelt voll war. Ich sollte dort zwei Stunden spielen und habe vorher gezittert. Aber irgendwie ging das dann.

Von David Guetta bis zum prolligen Dorf-DJ gibt es ja die verschiedensten Vorstellungen davon, was es heißt, ein DJ zu sein. Welches Klischee oder Missverständnis begegnet dir am häufigsten und sieht die Realität aus?

Viele halten DJs für Stars, die alles umsonst kriegen und umjubelt werden. In der Technoszene ist das überhaupt nicht so. Der DJ ist der, der stundenlang alleine durch die Nacht fährt, vor Ort den richtigen Eingang und den Veranstalter sucht, der einem wiederum sagt: „Du bist in fünf Stunden dran, da hast du ein paar Getränkemarken.“ Am nächsten Morgen ist man wieder daheim und hundemüde. Also mit Fame ist es nicht weit her.

Du bist ja schon seit Jahrzehnten am Musikmachen und hast in der Zeit nie das Handtuch geworfen. Was motiviert dich und was gibt dir Energie?

Das ist einfach die Liebe zur Musik. Ich identifiziere mich damit unwahrscheinlich und kann mir nichts anderes vorstellen. Mir macht es immer wieder Spaß, neue Sounds zu entdecken. Das liegt auch daran, dass elektronische Musik nicht wie andere Musikrichtungen ist, bei denen man einzelne Songs hintereinander weghört. Mich fasziniert, dass Techno eher funktionell und wie eine geführte Meditation ist. Da geht es um eine Stimmung, eine Ausdrucksart, die einen einfach nicht mehr loslässt.

Hast du beim Produzieren eine feste Routine oder leben deine Werke eher von spontanen Einfällen?

Eine Routine habe ich nicht, das ist reine Stimmungssache. Zum Beispiel nach einem Urlaub oder, wenn ich Bilder anschaue, versetze ich mich in eine Stimmung und produziere einfach mal los, ungefähr für eine Woche. Dann sortiere ich die Entwürfe und schaue, was das überhaupt ist. Viele Sachen bleiben auch erstmal liegen, weil es mich gerade nicht hinzieht. Ich kann also nicht vorher sagen: „Ich mach jetzt ein super chilliges Meditationsding!“ – dann kommt am Ende irgendein Techno raus, weil das gerade so geil gepasst hat (lacht).

Was gefällt dir besser: Tracks produzieren oder live vor einer Menschenmenge auflegen – und warum?

Mir gefällt beides. Momentan ist mein Fokus zu 99 % auf Produzieren gerichtet. Da ist das Coole, dass du dir selbst einteilen kannst, wann du was machst oder wann du pausierst, weil du gerade keine kreative Phase hast. Da mach ich auch mal zwei Tage gar nix oder gehe spazieren, um Ideen zu sammeln. Auf der anderen Seite ist Auflegen natürlich cool, denn du kannst Leute damit begeistern. Du siehst sie lachen oder herumschreien und wenn es jemandem gefällt. Es macht Spaß, mit den Leuten zu interagieren. Der Nachteil ist, dass du bei einer Buchung genau an diesem Tag zu dieser Uhrzeit funktionieren musst.

Du hast eine vierjährige Tochter. Legst du Wert auf eine musikalische Erziehung?

Das Wort Erziehung finde ich als antiautoritär denkender Mensch total schlimm, weil es für mich heißt, dass ich jemanden mir gleichschalten will. Ich führe sie nur ran und zeige ihr alles. Sie hört gerne Musik und sagt oft: „Papa, mach nochmal die Schallplatte drauf!“ Aber ich verlange in dem Bereich überhaupt nichts. Klar gibt es Grenzen, aber jeder muss sich frei entfalten können.

Was würdest du Besuchern von DJ-Events gerne sagen?

Lasst eure Smartphones daheim, denn die Filmerei zerstört die ganze Stimmung. Erlebt die Feier lieber in Realtime!

Mehr von Sebbo hört und seht ihr auf seinem Instagram-Profil!

Die Fragen stellte Franzi.

Habt ihr euch das DJ-Dasein so vorgestellt? Kennt ihr andere Erfahrungen?

2 thoughts on “Interview mit einem DJ und Musikproduzenten

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