Richtig zuhören

Richtig zuhören geht doch eigentlich ganz einfach. Ohren aufsperren, Infos aufsaugen, fertig. Oder? Was bedeutet es eigentlich, wirklich zuzuhören? Als ich in Stefanie Stahls Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ Tipps zum Zuhören gelesen habe, fühlte ich mich regelrecht ertappt. Ich dachte immer, ich sei eine recht passable Zuhörerin. Dabei gibt es bei mir noch einiges zu optimieren. Vielleicht ja auch bei euch? Überlegen wir uns doch mal, wie man ein(e) gute(r) Zuhörer(in) wird!

Halb gehört ist null verstanden

Ständige Ablenkung hält euch davon ab, euch voll auf euren Gesprächspartner zu konzentrieren. Dann vernehmt ihr zwar die Worte, aber die zugehörige Mimik, Gestik und die Stimmung zwischen den Zeilen überhört ihr mit Sicherheit. Außerdem signalisiert ihr so keine wertschätzende Haltung. Zimmer aufräumen beim Telefonieren, das Handy am Essenstisch oder geschäftiges Kochen beim Gespräch mit dem Mitbewohner sprechen eher für Desinteresse. Seid ihr dagegen 100 % aufnahmebereit, entsteht automatisch eine angenehme, respektvolle Gesprächsatmosphäre. Ich will beim Zuhören zukünftig keine Zeit mehr sparen, sondern sie mir für Freunde oder Bekannte bewusst nehmen. Multitasking ist hier out!

Ohren und Herz auf

Mir gefiel folgendes Zitat im oben erwähnten Buch: „Zuhören ist die Brücke zur Empathie.“ – Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Wenn mir jemand von seinen Problemen erzählt und ich wirklich helfen will, versuche ich, auch „mit dem Herzen“ zuzuhören. Klingt ein bisschen idealistisch, meint aber ganz einfach, sich in den anderen hineinzudenken und zu -fühlen. Dadurch verstehe ich ihn meistens besser und kann eher helfen (wenn gewünscht – manchmal ist Schweigen die beste Lösung). Was ich nicht empfehlen kann, ist, zu viel Wert auf die Tonalität des Gegenübers zu legen! In der Vergangenheit habe ich manchmal dazu geneigt, den Gegenüber auf seinen vermeintlich traurigen oder fröhlichen Ton anzusprechen, den ich aber letztendlich einfach falsch interpretiert hatte. Das führt dazu, dass ich dem anderen zu nahe trete und das Wesentliche aus den Augen verliere. Die Art und Weise des Sprechens wird sowieso von viel zu vielen Faktoren beeinflusst (z.B. hat das Gegenüber einen Kloß im Hals oder einfach nur eine Erkältung?). Also: Mit Herz zuhören, aber mit Verstand reagieren!

Richtig zuhören
Zuhören heißt, sich selbst mal kurz zu vergessen und die Aufmerksamkeit dem anderen zu widmen. Das können wir alle schaffen!

Richtig zuhören? Ohne mich!

Einen sehr guten Tipp finde ich, sich beim Zuhören in Selbstvergessenheit zu üben. Was ich damit meine? Stellt euch vor, beim Essen mit Freunden erzählt einer: „Letzte Woche war ich auf Rock am Ring, da sind so viele witzige Sachen passiert!“ – Na, wer von euch hat jetzt den Impuls, selbst von einem Festival mit Pleiten und Pannen zu erzählen? Ich glaube, das ist ganz normal. Für mehr Wertschätzung und Aufmerksamkeit will ich aber selbst versuchen, mich mehr zurückzuhalten. In unserem Beispiel würde das bedeuten, mit einem „Haha, erzähl mal!“ zu antworten, statt das Gespräch an mich zu reißen. Was ich aber ganz angenehm finde, ist ein „aktives Zuhören“, also dass der andere während meiner Erzählung mal ein empörtes „Hä, oh Mann!“ oder ein belustigtes „Echt?“ fallen lässt. Das unterbricht ja nicht, sondern zeigt einfach Anteilnahme. Oder wie seht ihr das, findet ihr solche Einwürfe störend oder belebend?

Willst du damit sagen…?

Wahrnehmung ist subjektiv, da erzähle ich euch nichts Neues. Darum will ich zukünftig versuchen, mich öfters im „Reformulieren“ zu üben, also darin, das Gesagte nochmal mit eigenen Worten zu wiederholen. Das hilft, Missverständnisse zu vermeiden, nichts Falsches hineinzuinterpretieren und Verständnis zu zeigen. Wenn ein Freund z.B. sagt: „Ich musste heute so viel erledigen, niemand hat mir geholfen, und jetzt bin ich müde und schlecht gelaunt.“, wäre eine Reformulierung: „Du fühlst dich also erschöpft?“. Versucht außerdem, Zweitbotschaften nicht nur für euch hineinzuinterpretieren, sondern sie offen anzusprechen. Statt euch beleidigt zu denken „Aha, hätte ich dir wohl helfen sollen?“, fragt doch einfach: „Das heißt, du wünschst dir beim nächsten Mal Hilfe von mir?“. Der Nebeneffekt: Dadurch, dass ich Dinge für den anderen zusammenfasse oder Nachfragen stelle, werden ihm oft erst manche Dinge klar. „Es ist unglaublich schwer, alleine zu denken!“, sagt auch Personal Coach Christian Bischoff in seinem Video „3 Unterschiede zwischen guten und schlechten Freundschaften“, das ich euch sehr empfehlen kann.

Um mit einem Zitat von Stefanie Stahl zu enden: „Echte Nähe entsteht allein durch Authentizität, Offenheit und Empathie.“ Ich finde, durch richtiges Zuhören gehen wir hier einen Schritt in die richtige Richtung. Keine Ablenkung, Mitgefühl, Selbstvergessenheit und offene Nachfragen sind gefragt. Also Ohren auf im nächsten Gespräch!

Was bedeutet richtig zuhören für euch? Was macht eine(n) gute(n) Zuhörer(in) für euch aus?

Bilderquelle: Pixabay

8 thoughts on “Richtig zuhören

  1. Hallo Franzi!
    Toller Beitrag wie immer! Wie du beim Lesen des Buches, fühle ich mich auch beim Lesen deines Beitrag ertappt. Leider fällt mir in der letzten Zeit sehr stark auf, dass ich eigentlich wirklich jedes Gespräch auf mich lenke.

    „Mir geht es nicht gut“ „
    Oje, mir leider auch nicht, ich bin heute den ganzen Tag schon so müde“

    So ähnlich kann schnell einmal ein Gespräch mit mir ablaufen! Wie miserabel ich eigentlich im Zuhören bin

    1. …wird mir erst jetzt so richtig bewusst. Aber nun weiß ich wenigstens auch gleich, wie ich diese schlechte Eigenschaft beheben kann :).

      Alles Liebe,
      Sarah!

      P.S.: Die Kommentarfunktion und mein Handy vertragen sich wohl nicht so ganz miteinander. Eigentlich wollte ich nur den Cookie-Banner wegklicken und schon war das Kommentar abgeschickt…

      1. Hey, ich gebe auch noch etwas Senf dazu 🙂
        Dieselbe Erkenntnis hatte ich vor gar nicht allzu langer Zeit auch! Wenn ich mich nun mit jemandem unterhalte, kann ich ableiten, ob die andere Person wirklich Interesse an mir hat oder nicht, da ich mit meinen eigenen Empfindungen logischerweise erst mal zurückhaltend bin. Dabei ist es schon häufig passiert, dass das Gespräch mit Bekannten und Fremden eingeschlafen ist, weil von ihnen keine Nachfragen an mich kamen. Da weiß ich nun ab sofort, wer wirklich Interesse hat und wer mich nur als „Redecontainer“ benutzen bzw. sich selbst darstellen möchte. Tatsächlich finde ich diese Art, Beziehungen zu pflegen, irgendwo auch sehr belebend, da ich mich aktiv „erinnern“ muss, was mir die andere Person bedeutet und was ich von ihr wissen will, wie es ihr generell geht und so weiter. Das hebt alles nochmal auf eine andere Ebene der Nähe 🙂

        LG Iris

        1. Danke für deinen Senf Iris. Sehr interessante Auslegung, die du da hast :). Ich muss dir da jedoch auch ein bisschen widersprechen…

          Ich zum Beispiel lenke das Gespräch manchmal auf mich, damit dieses auch am Laufen bleibt und man schließlich nicht stillschweigend nebeneinander herumsitzt. Manche Menschen mögen nämlich erst gar nicht etwas von sich erzählen bzw. vergessen den anderen auch einmal zu Wort kommen zu lassen.
          So ein Mensch bin ich manchmal auch. Da habe ich einfach so viel zu erzählen oder mag unbedingt über ein Thema diskutieren, dass ich ganz vergesse, dass der Gesprächspartner vielleicht auch etwas beigeben will. Ich mag dann ehrlich gesagt auch nicht immer nachfragen, was mein Gegenüber dazu zu sagen hat. Am liebsten ist es mir, wenn er/sie einfach aktiv (ohne Nachfragen) am Gespräch teilnimmt und mich vielleicht sogar unterbricht. Für mich schläft eine Unterhaltung dann ein, wenn man nachfragen muss, damit der andere auch einmal redet.

          LG Sarah

          1. Da gebe ich dir Recht, dass es ein schmaler Grat ist, wann man dem anderen alles aus der Nase ziehen muss und wann sich ein natürliches Gespräch ergibt. Ich habe grade nochmal nachgedacht (Applaus :D) und bin drauf gekommen, dass es sich vielleicht ähnlich wie beim Verhältnis von Small Talk zu tiefergehenden Gesprächen verhalten mag, d.h., dass eher oberflächliche Themen von beidseitigem Input leben, während man das Interesse an persönlichen Belangen durch gezielte Fragen zeigen kann und auch sollte. Jüngst hatte ich zufälligerweise auch genau die Situation, die du schilderst, nämlich, dass sich mein Gegenüber in endlosen Monologen ergangen und mich dabei vergessen hat. Ich habe die Person dann mehrmals darauf hingewiesen (es war keine böse Absicht von ihr, denn wie du sagst, sind wir da alle individuell gestrickt) und nun hat sich unsere Kommunikation enorm verbessert. Letztendlich lag es an unserem Grad der Extroversion (bei Person hoch, bei mir niedrig). Ich denke, dass dieses Persönlichkeitsmerkmal hauptverantwortlich für unsere Wahrnehmung und Gesprächsführung ist. Wenn sich Intros und Extros unterhalten, kompensieren die Extros häufig wohlgemeint die kurzen Gesprächspausen, die die Intros für die nächste Antwort brauchen. Dadurch können viele Missverständnisse entstehen („sie schweigt ja nur“ vs. „er lässt mich nicht zu Wort kommen“), andererseits macht dies unseren Austausch auch belebend. Wichtig ist, denke ich, dass wir uns dessen einfach bewusst sind, drüber reden, wenn es zum Beispiel innerhalb einer sehr engen Beziehung stattfindet, und die anderen weder durch Schweigen, noch durch Zuschwallen langweilen. Dann steht einer gelungen Kommunikation hoffentlich nichts mehr im Wege!

    2. Hi Sarah,

      danke für deinen Kommentar! Haha, mit der Kommentarfunktion hatte ich auch schon so meine Probleme 😀 Freut mich jedenfalls, dass der Beitrag hilfreich für dich war! Für mich war der Selbstbezug beim Zuhören auch fast etwas Normales, weil das meiner Beobachtung nach sehr viele Menschen so handhaben. Oft ist das ja nichts Negatives bzw. wird auch nicht als solches wahrgenommen, da es das Gespräch ja auf der anderen Seite belebt. Ich versuche aber auch, zukünftig mehr beim Gegenüber zu bleiben. Wenn man sich die Thematik einfach mal bewusst macht, sind bestimmt schon bald Fortschritte zu erkennen. 🙂

      Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag!
      Franzi

Kommentar verfassen