Wann ist man erwachsen?

Ich spiele Pokémon auf dem Nintendo 3DS, scheue mich vor Anrufen beim Arzt und finde aufs Papier des Banknachbarn gekritzelte Penisse in der Uni immer noch witzig. Trotzdem kann ich mittlerweile sagen: Ich bin erwachsen. Wie passt das zusammen?

Die besten Gedanken kommen mir immer beim Geschirrspülen oder Staubsaugen, weshalb ich beides so gern tue. Und während ich vor wenigen Wochen genüsslich dem Knistern im Rohr lauschte (Nüsse auf dem Teppich ausgeschüttet, ihr kennt das), kam mir ein Geistesblitz: Eigentlich bist du doch jetzt erwachsen, oder?

Ja, eigentlich. Dass das Exemplar Mensch nicht pünktlich mit dem 18. Geburtstag erwachsen ist, wissen wir natürlich alle, aber wann sind wir es dann? Was unterscheidet Erwachsene von Fast-Erwachsenen? Und wann merken wir, wenn es so weit ist? Zu meiner Entwicklung auf die andere Seite der Macht gehörten jedenfalls drei wesentliche Prozesse:

#1 Von den Eltern abnabeln

Mein Dozent in Soziologie meint, dass ohne handfeste Streits während der Pubertät keine Abnabelung von den Eltern stattfinden kann und diese somit notwendig für das Heranreifen sind. Die Psychologin Stefanie Stahl beschreibt Wut als Emotion der Selbstbehauptung, mit der wir uns von anderen abgrenzen.

Okay, nun bin ich aber keine wütende Teenagerin mehr, sondern kann mit meinen Eltern einen sorgsamen Umgang pflegen. Ich bin von zuhause ausgezogen, mache meine Entscheidungen nicht mehr von deren Meinung abhängig und frage nur noch selten um Rat. Das Erstaunlichste ist aber, dass in meinem Handy statt „Mutter“ und „Vater“ nun deren Vornamen stehen. Für mich ein eindeutiges Zeichen: Obwohl sie immer meine Eltern bleiben werden, sind wir nun auf Augenhöhe, ich bin nun auch eine Erwachsene. Na ja, zumindest solange, bis es daheim Dampfnudeln mit Vanillesoße gibt. Da sitzt gerne wieder die kleine Tochter am Tisch. Die nun gelegentlich freiwillig um Rat bittet.

#2 Verantwortung nicht mehr abgeben

Es klingt banal und trotzdem wundert es mich, wie wenig Menschen sich diesen Satz zu Herzen nehmen: Übernimm Verantwortung für dein Leben. Nicht mehr jammern, sondern die Situation aktiv verändern! Wer ewig in der Opferrolle steckenbleibt und selbstmitleidig, ja sogar selbstverachtend „So bin ich halt! Ich kriege den Hintern nicht hoch und das nervt mich selbst!“ sagt, der gibt die Verantwortung ab – vermutlich ans All oder an Geister oder Gollum, wer weiß das schon. Wir sind alle selbstbestimmt. Wir können etwas an unserer Situation ändern. Also, auf geht’s!

#3 Negativen Glaubenssätze reflektieren

Meist handeln wir aufgrund innerer Glaubenssätze, die wir als Kind verinnerlicht haben. Aus einer unterbewussten „ich bin für deine Laune verantwortlich“-Einstellung kann zum Beispiel ganz schnell die Schutzstrategie „Perfektionswahn“ werden, welche uns ins Burnout treibt, da Perfektion nun mal nicht erlangt werden kann. Oder es führt das von den Eltern vermittelte „ich darf dich nicht enttäuschen“ zu einer Überanpassung mit vielen falschen Entscheidungen, die wir eigentlich gar nicht wollten.

Der erwachsene Teil in uns erkennt diese Motive, reflektiert seine Schutzstrategien und kann in die Beobachterperspektive wechseln. Wer darüber mehr erfahren möchte, dem kann ich die Bücher Jeder ist beziehungsfähig und Das Kind in dir muss Heimat finden von Stefanie Stahl ans Herz legen.

Hier ein Auszug, was ich dadurch über mich lernen konnte:

  • Perfektionsstreben ist sinnlos, du genügst so, wie du bist.
  • Du bist liebenswürdig und darfst authentisch sein.
  • Du kannst nicht kontrollieren, wie andere mit dir umgehen, also grenze dich innerlich ab.
  • Projiziere deine Gedanken nicht in den Kopf des Gegenübers, sondern bleibe bei den Fakten.

Und jetzt?

Zusammengefasst kann ich feststellen, dass die ganze Zeit der dritte Punkt das noch fehlende Puzzlestück im Erwachsenenbild war, das für mich nun so aussieht:

Ich bin unabhängig von der Meinung anderer, übernehme aktiv Verantwortung für mein Leben und kann mein inneres Kind mit seinen irrationalen Ängsten von der neutralen Perspektive aus beruhigen und so zu vernünftigen Handlungen gelangen.

Wann hattet ihr das Gefühl, erwachsen zu sein? Oder seid ihr noch mitten in diesem Prozess? Welche Merkmale haben Erwachsene für euch?

2 thoughts on “Wann ist man erwachsen?

  1. Hallo Iris!
    Dies war ein besonders interessanter Beitrag für mich! Ich bin 17 Jahre alt und deswegen noch nicht erwachsen. Jedoch fühle ich mich zumindest geistig manchmal wesentlich älter, als jene die ihren 18. Geburtstag schon hinter sich haben. Es ist ja schon irgendwie banal, dass man „erwachsen“ und „nicht erwachsen“ von einem einzigen Tag abhängig macht. Gestern noch 17, heute 18. Gestern noch ein Kind, heute Erwachsen?
    Leider fällt mir jedoch auch kein besseres System als jenes ein, immerhin kann man nicht von jedem Einwohner die geistige Reife messen um daraus zu schließen, wer erwachsen ist und wer nicht.
    Toll, dass du dich mit dem Thema so genau auseinander gesetzt hast :).
    Liebe Grüße,
    Sarah

    1. Hi Sarah,

      danke für deinen ausführlichen Kommentar!
      Genau, so ähnlich wie du habe ich mich mit 17/18/19 auch gefühlt. Manchmal denkt man, man hat eine gewisse Reife erlangt und wieder andere Male hat sich mit 19 ja doch nichts im Vergleich zu 17 geändert.
      Auf jeden Fall ist das Erwachsenwerden ein längerer, individueller Prozess, der keinesfalls einem Stichtag zufällt, das stimmt! Letztendlich ist da jeder selbst in der Verantwortung und man kann nur hoffen, dass sich ein paar Leute mehr mit dem Thema auseinandersetzen, um dann vernünftig zu handeln.
      Bin gespannt, wie es auf deinem Weg noch aussehen wird! 🙂
      Liebe Grüße,
      Iris

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