Interview mit einem Polizisten

Vorurteile, Macht und Waffen: Wir haben einen angehenden Polizisten interviewt. Denn in diesem neuen Format möchten wir euch künftig Menschen aus dem Alltag vorstellen und hinter die Kulissen blicken – natürlich auf unsere tiefgreifende Art!

Zur Person

Paul (Name geändert) ist Mitte 20 und befindet sich aktuell in der Polizeiausbildung in einem europäischen Staat. Den Beruf hat er gewählt, weil er einerseits Menschen helfen und andererseits sein großes Hobby Sport mit der Arbeit verknüpfen wollte.

„Bei meinen Freunden drücke ich kein Auge zu“

Paul, wie reagiert ein Freundeskreis aus jungen Erwachsenen, die sicher gerne mal über die Stränge schlagen, auf den plötzlich auftauchenden Polizisten in ihrer Mitte?

Paul: Die fanden das zunächst alle total cool und meinten, dass ich sie niemals strafen solle, sollten sie bei einem Delikt erwischt werden. Man antwortet dann „Klar, mache ich nicht.“ Sie fragten mich auch, wie es in der Polizeischule laufe, ob es mir gefiele und gratulierten mir. Sobald es allerdings zu Einsatztrainings kam oder ich erzählte, dass ich bei einer Schießübung gewesen bin, fragten sie, ob ich den Beruf wirklich mein Leben lang machen möchte. Aber ich interessiere mich sehr für meine Arbeit und stehe voll dahinter, weshalb ich zu dem Entschluss gekommen bin, meine Freunde, falls nötig, genauso zu behandeln wie alle anderen und eben kein Auge zuzudrücken. Dann bezeichnen sie mich schon als Spießer und das Verhältnis wird anders.

Inwiefern?

Zum Beispiel sagen sie „Ah, jetzt darf ich kein Gras mehr rauchen“. Manche sagen dies natürlich nur aus Spaß, andere denken, dass sie nun jemanden als Insider bei der Polizei kennen und etwas Narrenfreiheit haben. Aber so ist es nicht. Da ich aus dem Beruf mitbekommen habe, was Drogen mit Menschen machen, versuche ich, jeden in meinem Umfeld davon abzuhalten. Meistens wollen sie das jedoch nicht. Auf Hauspartys fällt oft der Satz „Der Polizist ist da, jetzt müssen wir das Gras und den Alkohol wegtun!“. Ich bin da kein Moralapostel, aber so ganz trennen kann ich Arbeit und Freizeit dann nicht.

Apropos – wie schlüpft man denn aus der Rolle des Polizisten zurück in die des stinknormalen Bürgers?

In dem Moment, in dem ich meine Uniform ausziehe, weiß ich, dass ich keine Befugnisse mehr habe. Aber es gibt schon Leute, die in ihrer Rolle als Polizist voll aufgehen und diese privat nicht ablegen können, herrisch agieren und ihren eigenen Willen durchsetzen wollen. Oder andersherum, die privat die nettesten Menschen sind, aber in Uniform sehr hart durchgreifen. Ich versuche, einen Mittelweg zu finden, im Dienst menschlich zu bleiben und die uns vorgegebenen Spielräume nicht maximal auszureizen.

Deine Uniform bedeutet also Macht über andere Menschen zu haben. Fällt es dir schwer, diese gemeinsam mit dem Kleidungsstück Tag für Tag wieder abzustreifen?

Ich gehe nicht in meine Arbeit und denke mir, dass ich Macht habe. Ich ziehe meine Uniform an, mache einfach meine Arbeit und hoffe, dass ich wieder gesund heimkomme. Dabei versuche ich, immer unvoreingenommen und professionell vorzugehen. Und wenn ich mal mit „Idiot“ oder „Depp“ beleidigt werde, wird meine Uniform beschimpft und nicht ich als Privatperson.

Wie ist das für dich, täglich eine Waffe herumzutragen? Eine Steigerung des Machtgefühls?

Nein, es ist für mein Sicherheitsgefühl, teilweise natürlich auch trügerisch. Aber sollte es mal um Leben und Tod gehen, könnte ich mich zumindest mehr verteidigen. Und die Waffe an sich ist keine Gefahr, sondern der Mensch, der sie bedient. Deshalb ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, wie sie funktioniert und dass verantwortungsvoll damit umgegangen wird. Denn immerhin ist sie scharf und wenn ich drücke, machts „Bumm.“

Die Fragen stellte Iris.

Hat euch etwas an diesem Interview überrascht?

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