Komfortzone – rein oder raus?

Es heißt „no risk, no fun“, wir sollen „den Ball flach halten“ und „auf Nummer sicher gehen“ – ja, was denn nun? Beim Stichwort „Risiko“ sind sich nicht nur diese oft gehörten Plattitüden uneins, auch die Gesellschaft spaltet sich in zwei Lager.

Während die einen bei Risiken und Nebenwirkungen sofort Alarm schlagen, suchen die anderen bewusst neue Herausforderungen. Der Duden behauptet jedoch, dass „Risiko“ immer mit etwas Negativem behaftet sei:

Risiko, das. Substantiv, Neutrum. Worttrennung: Ri/si/ko. Bedeutung: möglicher negativer Ausgang bei einer Unternehmung, mit dem Nachteile, Verlust, Schäden verbunden sind; mit einem Vorhaben, Unternehmen o.Ä. verbundenes Wagnis.

Auch die Wissenschaftler Silje Kristiansen und Heinz Bonfadelli definieren es in ihrem Artikel „Risikoberichterstattung und Risikoperzeption“ mit einer kleinen Portion Negative Vibes: „Risiko ist die Entscheidung, einen Nutzen zu genießen und dabei einen zukünftigen Schaden mit einer mehr oder weniger gut bestimmbaren Eintrittswahrscheinlichkeit und einem ungewissen Ausmaß in Kauf zu nehmen“.

Trotz allem gelten risikofreudige Menschen als mutig und erfahren Anerkennung aus der Gesellschaft. Wenn jemand ein hochgepokertes Risiko eingegangen ist und daraufhin tatsächlich den Jackpot erhalten hat, stehen wir schulterklopfend daneben und sagen „Gut gemacht, das Risiko hat sich definitiv gelohnt!“. Die Person wird für ihre Entscheidung gelobt und ihren Mut bewundert. Insgeheim wären wir nämlich auch gerne etwas risikofreudiger. Schließlich sehen wir mit eigenen Augen, welcher Gewinn dabei für uns herausspringen kann.

Risikofreudig zu sein heißt, aus mehreren Alternativen mit gleicher Eintrittswahrscheinlichkeit die mit dem höchsten Risiko zu bevorzugen, weil der Gewinn möglichst hoch ausfallen kann.

Nehmen wir an, Risiko und Angst wären miteinander befreundet. Gelegentlich gehen die beiden gemeinsam etwas trinken. Die fiese Freundin Angst ist allerdings eine derer, die sich erst für die Bar verabreden und im letzten Moment doch absagen. „Komm, Risiko, bleiben wir heute lieber im kuschligen Zuhause“, versucht sie, ihren gelegentlich ausgehfreudigen Kumpel abzuhalten.

Komfortzone - rein oder raus?
Oft hält uns die Angst zurück, schwierige Wege zu gehen.

Wogegen per se nichts einzuwenden ist: Gemütlich, geborgen und sicher haben die beiden sich in den eigenen vier Wänden niedergelassen. Warum das traute Heim also verlassen, das sie sich jahrelang aufgebaut haben? Außerdem hat die Angst schon Recht. Nicht auszumalen, was die Leute sagen würden, sollte eine Blamage eintreten, sollten alle Bedenken begründet sein. „Tja, da hättest du weniger Risiko eingehen sollen, selbst schuld!“, dürfen wir uns dann hart, aber fair gefallen lassen. Risiken und Nebenwirkungen scheinen ja doch irgendwie zusammenzugehören.

Risikoscheu zu sein bedeutet, aus mehreren Alternativen mit gleicher Eintrittswahrscheinlichkeit die mit dem geringstmöglichen Verlust zu bevorzugen, auch, wenn dadurch der Gewinn sehr klein ausfallen kann.

Angst und Risiko sitzen heute Abend also lieber wohlbehütet auf der Couch. Schließlich wurde jahrelang dafür gearbeitet, die Sicherheit entspannt genießen zu können. Die schöne Wohnung, der tolle Job und das gefüllte Sparbuch sichern das bequeme Überleben für die nächsten 20 Jahre. Im Freundeskreis überschneiden sich dieselben Wertvorstellungen und Meinungen. Wenn wir morgens aufstehen, ist die Welt zwar nicht immer rosarot mit Sahnehäubchen, aber zumindest mit einem zuckerwatterosafarbenem Filter auf dem sommerlichen Sonnenaufgang. Herzlich Willkommen in der ganz persönlichen Komfortzone.

Und dann?

In der Komfortzone werden unsere Bedürfnisse erfüllt, jeder von uns richtet sie so ein, darin bis ans Lebensende glücklich zu werden. Wir sind versorgt, arbeiten in unserem Traumjob, erfahren menschliche Zuneigung, fühlen uns sicher und geborgen. Alles klar, wunderbar.

Aber was treibt uns dann noch an?

Die logische Folge für unser Handeln wäre nämlich, künftig alle Risiken zu vermeiden, damit wir in unserer kuschligen Komfortzonesicherheitsblase bleiben. Wir wären den lieben langen Tag damit beschäftigt, unseren Status Quo zu hüten. Die tägliche Motivation lautet dann Sorge, Abhängigkeit und Verlustangst, weil wir unseren hart erarbeiteten Besitz nicht mehr missen möchten. Die Angst hat das Risiko mit einem Glas Rotwein und einer kuschligen Decke auf der Couch eingelullt, sodass es in einen leichten Dämmerschlaf sinkt und wir auf leisen Sohlen um es herumschleichen, damit das unerwünschte Dornröschen am besten erst wieder in 100 Jahren erwacht.

„Risiko ist kein Ding, nichts, das man hören, riechen, sehen, schmecken kann.“

(Ulrich Beck in seinem Buch „Weltrisikogesellschaft“)

Während draußen die Zuckerwattesonne munter auf und ab geht, leben wir mit unseren beiden Couchsurfern vor uns hin. Die eine kontrolliert uns, den anderen kontrollieren wir. Es wird Herbst, der Sonnenfilter wechselt zu einem wehmütigen Sepia. Wie schön wäre es doch, mal wieder etwas Neues zu wagen, statt nur den Ist-Zustand auszuleben. Winter is coming, der Sepiafilter verblasst zu einem traurigen Schwarz-Weiß. Aus Sicherheit wurde Stagnation. Wir bleiben stehen.

Nicht vom Sofa fallen

Felix von Cube, Verhaltensforscher, hat zum Thema Stillstand eine Theorie entwickelt: Unsere Sicherheitsstandards werden durch das kontrollierte Eingehen von Wagnissen verbessert. Denn je weniger Unbekanntes es in unserer Umwelt gibt, desto sicherer leben wir in ihr. Wagnisforscher Siegbert A. Warwitz konnte sogar nachweisen, dass Kinder aus dem Elterntaxi einen niedrigeren Sicherheitsgrad erreichen als die dem Verkehr ausgesetzten Mitschüler und Mitschülerinnen, weil sie weniger Unbekanntes in Bekanntes verwandeln. Warwitz war es auch, der die Theorie vom Leben in wachsenden Ringen formulierte. Demnach wagen wir Risiken, um unsere Persönlichkeit zu vervollkommnen, die Lebensqualität zu steigern und Sinn zu erfahren.

Von Cube und Warwitz würden aufgrund unserer vertrackten Situation vermutlich nur noch mit dem Kopf schütteln: Wir, die Angst und das Risiko nebeneinander auf
der grauen Couch. Durch das komfortable Stillsitzen ist die Angst immer dicker geworden, begräbt das schlafende Risiko fast gänzlich unter sich. Das einzige Risiko besteht mittlerweile darin, nicht vom Sofa zu fallen und damit den einträchtigen Zustand zu stören.

Risikoneutral agieren Menschen, die Entscheidungen aufgrund der Eintrittswahrscheinlichkeit treffen und mögliche Risiken nicht miteinbeziehen.

Mit diesen Erkenntnissen leitet sich nun einen Ausweg aus dem Trauerkloß-Dasein ab: Als selbstbewusster Gastgeber die Angst an die Hand nehmen, das Risiko aufwecken und gemeinsam eins trinken gehen. Dann wechselt auch der Filter über der Sonne zu einem frühlingshaften Grün, der Farbe der Hoffnung. Wer regelmäßig Risiken wagt, hat es selbst in der Hand, welche Gäste er auf seiner Couch beherbergt. Vielleicht klopft demnächst mal der Mut an die Haustür.

Ich hoffe, ihr habt bis hierhin durchgehalten und diese kleine Geschichte genossen – was denkt ihr über unsere Komfortzone – rein oder raus? Wie gelingt der Ausstieg? Wie sieht eure Komfortzone aus und wann seid ihr das letzte Mal über eure Grenzen gegangen?

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