Tinder: Knallplattform oder große Liebe?

Tinder – eine App, viele Meinungen. Im Selbsttest habe ich untersucht, ob die App tatsächlich eine „Knallplattform“ ist, was Tinder eigentlich mit uns macht und wie das Selbstbewusstsein davon beeinflusst wird.

Ich gebe zu, dass ich bei digitalen Trends oft hinterherhinke und gerade beim Thema visuelle Selbstdarstellung im Internet sehr vorsichtig bin. Dies erklärt, warum ich Tinder erst sechs Jahre nach der Veröffentlichung der Mobile-Dating-App nutze, abgesehen davon, dass ich Dates aufgrund ihres beklemmenden Charakters grundsätzlich meide. Letztendlich hat mich doch die Neugier (okay, ich gebe zu, auch die Einsamkeit) gepackt und so erstellte ich mir ein Profil.

Per SMS bekam ich einen Bestätigungscode zugesandt und sollte mindestens ein Foto von mir hochladen sowie mein Alter angeben. Mir war dabei sehr unwohl zumute: Was passiert, wenn Kommilitonen mich bei der „Knallplattform“ entdecken? Tindern Dozenten eigentlich auch? Und was ist mit den langjährigen Nachbarn in dem 300-Seelen-Dorf, wenn ich meine Eltern besuche? Spoiler: Es passiert rein gar nichts, die Mitstudenten, Verkäufer und Exfreunde dieser Welt kann man schließlich getrost nach links und damit in die Wüste wischen.

Rechts yay, links nay

Zu Beginn tat ich mir mit der Bedienoberfläche der App ziemlich schwer. Was zur Datinghölle sind Superlikes und was geschieht, wenn ich einen davon vergebe? Nach rechts wischen heißt anscheinend „geile Sau“, nach links dementsprechend „Hackfresse“. Denn um mehr geht es bei Tinder nicht. Klar, es gibt noch den Beschreibungstext, verlinkte Insta-Accounts und ein Lieblingslied, was angegeben werden kann. Sichtbar wird das alles jedoch erst, nachdem man auf einen weiteren Knopf gedrückt hat. Im Vordergrund steht zunächst das reine Aussehen der Person.

tinder knallplattform oder große Liebe
Laut einer Galileo-Reportage werden täglich 1,4 Milliarden Swipes nach rechts oder links getätigt.

Und ich lehne dies absolut ab! Natürlich will ich meinen künftigen Partner attraktiv finden, wer tut dies nicht? Aber Attraktivität macht für mich nicht nur die Hülle aus, mit der wir unverschuldet geboren wurden, sondern viel mehr. Ich kann zum Beispiel jemanden äußerlich okay finden und innerlich supertoll, was ihn für mich zum Traumpartner macht. Bei Tinder ist mir jedoch aufgefallen, dass die schier endlose Masse an Gesichtern sehr schnell bestimmte Kriterien zum Aussortieren benötigt. Hier die Stirn zu hoch, da der Bart zu lang, dort der Körper zu untrainiert. Die „Okayen“ wischte ich infolgedessen rigoros nach links. Ich erschrak selbst über mich und die eingeschlichene Oberflächlichkeit.

Ein neuer Match!

Tinder meldete mir kurz nach der Anmeldung, dass ich „99+ Likes“ abgestaubt hätte. Einzusehen sind diese nur in der Bezahlversion der App. Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Ihr zahlt Geld dafür, um zu sehen, wer euch attraktiv findet. Mit dem Rechtswischen war ich zögerlich, doch langsam ploppten die ersten Matches auf. Hilfe, und jetzt? Höre ich da etwa schon die Hochzeitsglocken läuten? Nein, erst mal bedeutet dies nur, dass ich mit der anderen Person nun Nachrichten austauschen kann.

In meinem Umkreis sind die Leute eher schreib- und flirtfaul und falls jemand auf der Suche nach Sex ist, steht dies praktischerweise im Beschreibungstext. Von Franzi weiß ich, dass sie in ihrer Stadt ganz andere Erfahrungen gemacht und Anfragen erhalten hat. Liegt dies an der Frequenz oder dem kulturellen Umfeld?

Tinder – Mein Fazit

Wenn Tinder unreflektiert genutzt wird, führt dies zu einer Objektifizierung des Gegenübers, reduziert auf das bloße äußere Modell des Gesichts. Auch ich fand mich schnell in dieser Falle wieder und habe daraufhin den Sinn der App infrage gestellt. Um neue Leute einfach und unkompliziert kennenzulernen, finde ich Tinder praktisch. Wobei mir auch die Befürworter von Tinder als „Knallplattform“ sicherlich zustimmen würden. Was ich nicht abstreiten kann, ist der oberflächliche Egoboost, den ich bei neuen Matches verspürt habe – juhu, jemand findet mich attraktiv! Allerdings vertrete ich die Ansicht, dass man sich darauf nichts einbilden sollte: Attraktivität ist mehr als euer Körper und zudem wisst ihr nie, welche (gruslige) Person am anderen Ende sitzt und welche Absichten sie mit einem Wisch nach rechts hegt.

Nutzt ihr Tinder? Was waren eure Erfahrungen mit der App? Wie steht ihr generell zu dem ganzen Thema?

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*Zur besseren Lesbarkeit wurde die männliche Form in diesem Blogpost gewählt, natürlich sind damit alle Geschlechter gemeint*

 

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