Neue Leute und ich

Neue Leute kennenzulernen kann inspirierend sein. Mit jedem Satz öffnet das Gegenüber euch Türen, hinter denen ihr neue Räume entdeckt, so, als ob ihr ein unbekanntes Haus besichtigt. Jede Aussage, ob oberflächlich oder tiefgründig, führt euch weiter entlang der Spuren des anderen. Genauso funktioniert es umgekehrt. Ob im Studium, beim Sport oder in der Disco: Am Anfang stehen sich zwei Menschen gegenüber wie Häuser, die Fassade undurchsichtig, die Haustür vorsichtig geöffnet. Wie stellen wir uns dabei optimal und zugleich authentisch dar? Was macht uns überhaupt aus? Nehmen wir mal an, unser Leben wird durch ein Haus mit Garten symbolisiert – wie weit führen wir neue Leute durch unser Heim und was zeigen wir ihnen?

Zu Beginn stehen wir zusammen im imaginären Vorgarten. Zwischen gepflegtem Rasen und Buchsbaumhecke tauschen wir höfliche Kommentare über Beruf, Alter und Interessen aus – sozusagen die Eckpfeiler unseres Grundstücks. Bei Extrovertierten habe ich übrigens oft das Gefühl, dass sie sich am liebsten in ihrem extragroßen Garten aufhalten, wo sie mit unzähligen Menschen fröhliche Grillpartys feiern, aber lieber nicht so viele Menschen in ihr Haus lassen. Aber zurück zu unserer Bekanntschaft: Ist uns jemand sympathisch oder finden wir einen Gleichgesinnten, kann es weiter in den Flur gehen. Die Jacken bleiben an der Garderobe zurück und die Höflichkeit hoffentlich gleich mit. Jetzt geht es ins Wohnzimmer und es wird persönlich. Hier gibt es private Fotos, zerlesene Bücher, verdächtige Keksdosen. Wer sind wir hier für einen neuen Menschen?

Ich meine damit am Beispiel von mir: Bin ich jetzt gerade die Medienstudentin aus Franken? Die hundeliebende Franzi, die im Tierheim mithilft? Die Bücherliebhaberin? Der Pokéchamp? Wie wirkt mein Leben, mein Umfeld, mein Handeln – und sieht es der oder die andere so, wie ich es sehe? Wahrscheinlich liegt es nicht nur an mir, mit einem dieser Bereiche herauszurücken und Türen zu öffnen. Vielleicht bewegt sich mein Gast ja selbstsicher durch meine Lebensräume, entdeckt die Hundebilder, die Fh-Unterlagen, mein Bücherregal oder dass es in meinen Schubladen aussieht wie Kraut und Rüben. Alles davon und noch mehr ist irgendwie Teil von mir – und doch repräsentiert mich nichts für sich alleinstehend. Nur wer alle Räume meines Hauses kennt, kennt mich, die darin lebt. Und das braucht Zeit. Niemand möchte schließlich Eindringlinge in seinem Haus bzw. seinem Leben, die die wertvolle Einrichtung beäugen und befingern, Dinge kaputtmachen oder gar mit ihnen verschwinden.

Neue Leute und ich
Stellt euch vor, dieses Haus symbolisiert euer Leben. Wer steht in eurem Garten, wer darf ins Haus?

Das Leben als Homestory

Bewusst Informationen über euch steuern könnt ihr wohl am besten, wenn euch jemand noch gar nicht persönlich gesehen hat, sondern ihr ihn schreibend kennenlernt – sei es durch die WhatsApp-Gruppe von Freunden oder über Datingplattformen. Das wäre in etwa so, als würdet ihr euer Haus fotografieren und in einem Immobilienanzeiger inserieren. Oder eine Homestory drehen. Hier könnt ihr selbst entscheiden, welche Zimmer ihr zeigt, wie ihr sie inszeniert und ob die Rumpelkammer überhaupt erwähnt wird. Der Adressat oder die Adressatin sieht euch und eure Räume, kann sich aber kein Bild vor Ort machen. Beim persönlichen Kennenlernen habt ihr eure Wirkung dagegen nur teilweise in der Hand. Und bei vielen Kontakten reicht auch einer dieser Eindrücke. Denn warum muss ich für den Kommilitonen mehr sein als die Medienstudentin? Oder für die Discobekanntschaft mehr als ein lustiges Partyanimal? Warum nicht einfach mit einem Begrüßungssekt entspannt in den Vorgarten stellen, über Geranien und Gartenzwerge plaudern und abwarten, ob sich heute oder beim nächsten Mal Türen zu tiefgründigeren Räumen öffnen?

Die guten alten Untermieter

Bei all dem Beschnuppern und Scharwenzeln um neue Leute bin ich umso dankbarer für meine engsten Freunde, die mein ganzes Haus bereits kennen.  Ihnen erzähle ich nicht von meiner Einrichtung, nein, sie leben mit mir darin. Sie sagen mir ehrlich, wenn die Vorgarten-Deko nicht zum Blumenbeet passt. Sie kennen das Chaos meiner Rumpelkammer und die dunklen Ecken im Keller, vor denen ich mich fürchte. Sie versüßen mir das Leben, weil sie wissen, in welcher Schublade ich den Naschvorrat versteckt habe. Statt höflich im Flur herumzustehen, begleiten sie mich auf jedem Schritt durch die Räume meines Lebens. Und das ist so viel mehr wert!

Welche Infos sind die ersten, die ihr neuen Leuten mitteilt? Kennen viele Menschen euer „Lebenshaus“ oder steht ihr mit den meisten lieber am symbolischen Gartenzaun? Lernt ihr eigentlich gerne neue Leute kennen?

Bilderquelle: Pixabay

4 thoughts on “Neue Leute und ich

    1. Hi Sabrina, im übertragenen Sinne darf deine Familie aber bestimmt mit ins Haus, wenn ich mir deinen Blog so ansehe, oder? 😉 Die Unterscheidung, ob jemand dauerhaft in einem bestimmten Lebensbereich dabei ist oder nur vorübergehend (zu deinem Stichwort „zu Besuch“), ist auch ein interessanter Aspekt!
      LG Franzi

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