Tagelang im Fahrradsattel

Auf unserer Radtour nach Wien ist so einiges schiefgegangen. Wie es trotzdem zum schönsten Urlaub meines Lebens geworden ist und wir es tagelang im Fahrradsattel ausgehalten haben.

Wer den Ablauf unserer Tour von Passau nach Wien auf dem Donauradweg noch nicht kennt, kann dies fix bei Franzis Beitrag nachlesen. Weil wir beide das Mr. Bean-Gen in uns tragen, sind dabei wieder unglaubliche, lustige und beschämende Dinge passiert, für die wir natürlich gar nichts können! Eine Aufzählung:

Donnerstagabend: Franzi verlor erst ihren Geldbeutel in einem Passauer Club (wurde zum Glück an der Bar abgegeben), dann gelangte ihre Jacke durch Zauberhand einmal quer über die Tanzfläche (haben wir auch wieder gefunden). Unser Motto für diesen Abend vor der Monster-Radtour lautete außerdem „wenig trinken und um 2 Uhr heimgehen“. Daraus wurde dann „zu viel trinken und um 5.30 Uhr daheim sein“. Ganz toll.

Freitag: Nach 4 Stunden Schlaf quälten wir uns appetitlos, müde und zerrupft aufs Rad. In dem Zustand vergaß ich dann meine Zahnbürste, was mir erst spätabends in Linz auffiel (ja, man kann mit Klopapier Zähne putzen). Bereits nach der ersten Stunde von etwa sechs auf dem Fahrrad sind wir völlig erschöpft auf einer Bank zusammengebrochen und haben erst mal am Knäckebrot geknabbert und uns mit Sonnenmilch eingeschmiert. Außerdem regnete es zwischenzeitlich stark und mehrere Gasthäuser wiesen uns an der Tür ab, weil sie spontan die Küche geschlossen hatten. Ganz zu schweigen von der riesigen Schlange, die an der Schlögener Schlinge den Radweg versperrte und mit einem schrillen Aufschrei umfahren werden musste.

Tagelang im Sattel
Diese Leinwände haben wir vor Melk gefunden.

Samstag: Unser Hintern tat weh, dass es besser nicht mehr ging, außerdem bekamen wir die Augen kaum mehr auf. Wir konnten uns nur noch mit einem Brüllen aus dem Sattel erheben (ja, es war genau so irritierend, wie ihr es gerade in eurem Kopfkino seht!). Auch die Knie schmerzten. Erstmals mussten wir die Oberschenkelmuskulatur beanspruchen, da auf der stinklangweiligen Strecke den ganzen Tag starker Gegenwind herrschte. Zeitweise sind wir stundenlang durch befahrene Waldwege ohne Aussicht gezischt. Meine Pollenallergie machte mir ebenfalls sehr zu schaffen.

Sonntag: Ohne Augen, dafür mit viel Schmerz, nahmen wir die letzte Etappe in Angriff. Leider ließ ich erst unsere geliebten Hafercookies im Hostel stehen, später fiel Franzi beim Absteigen an einer Ampel (!) mit ihrem gesamten Fahrrad einfach um (nichts passiert). Dabei ging unsere Karte verloren, was wir erst zwei Stunden später bemerkten. Anschließend verdünnisierte sich ihr Pulli ebenfalls auf magische Weise – RIP, wo auch immer du nun leben magst. Als wir bei Dunkelheit endlich in Wien eintrafen, ging Franzis Lampe aus und von meinem Licht löste sich die Befestigung, sodass ich das kollektive Licht mit einer Hand halten musste. Gleichzeitig lotste uns Google Maps (RIP Karte) auf ihrem Handy im Kreis, weshalb wir meines mit gedrosseltem Datenvolumen nutzen mussten. Ende vom Lied: Wir sind mehr oder weniger stundenlang ohne Licht und Orientierung durch Wien gefahr-humpelt.

Montag: Im Zug von Wien nach Passau zurück habe ich wegen der Gräserpollen leider so stark niesen müssen, dass es den armen Herrn über den Gang hinweg (!) getroffen hat, der sich nicht nur angeekelt den Arm abgewischt hat, sondern bis zur Endstation auch noch halbzerkaute Nuss-Reste auf dem Tisch vor sich fand. Ups.

Wie ihr das Beste draus macht

Trotz all dieser Vorkommnisse – die zum Glück nicht gravierend, dafür nervig waren – hatten wir so viel Spaß wie nie. Der Grund lag ganz einfach darin, dass wir im Vorfeld beschlossen hatten, uns die Laune durch nichts verderben zu lassen. Es ist ganz einfach: Ihr könnt drei Tage lang über euren schmerzenden Hintern jammern oder euch an den vielen anderen tollen Dingen erfreuen. Ich nenne dies gerne „Positive Vibes“, was für mich heißt, dass man sich auf die positiven Dinge der Situation konzentriert und die negativen dadurch erträglich werden lässt.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber der Kopf blendet jegliche Zipperlein irgendwann aus, es gibt nur noch eine Tätigkeit: fahren, fahren, fahren! Und wir sind selbst blutige Anfänger, noch nie weiter als 20 km am Stück gefahren. Wenn ihr euch dabei noch an der blühenden Natur (Cetirizin macht’s teilweise möglich), den leckeren Snacks, tollen Gesprächen, sportlichen Aktivität und die Vorfreude auf euer Ziel konzentriert, ist der Urlaub perfekt. Wen kümmert da schon eine verlorene Karte oder das bisschen Regen – lässt sich doch eh nicht mehr ändern!

Am meisten hat mir die Einfachheit der gesamten Reise gefallen: Zack, auf’s Fahrrad und ab! Ich fühlte mich völlig unabhängig von irgendwelchen nervigen und teuren Transportmitteln, richtig erdverbunden. Wann schaffen wir im digitalisierten Alltag denn noch etwas mit purer Körperkraft? Der Weg war unser Ziel, und das haben wir definitiv erreicht.

Habt ihr schon mal ähnliche Erfahrungen gemacht, zum Beispiel beim Wandern, Joggen, Triathlon? Passieren euch hin und wieder auch so dämliche Sachen wie uns?

2 thoughts on “Tagelang im Fahrradsattel

  1. Es ist wirkich lustig zu lesen! Da muss man aber wirklich auf derselben Wellenlänge sein, sonst enden solche später witzigen kleinen Tolpatschigkeiten schnell in Streit. Ich beglückwünsche Euch dazu, dass Ihr so gut zusammenpasst.

    1. Hallo Tanja,
      vielen Dank! 🙂 Das stimmt, der Aspekt der Wellenlänge kommt auch noch hinzu! Ich erinnere mich außerdem daran, dass wir uns früher eben schon von solchen Dingen die Laune hätten verderben lassen – aber man entwickelt sich weiter und mit einer positiven Grundeinstellung ist einfach alles möglich!
      LG Iris

Kommentar verfassen