Ist schwerer gleich besser?

Jeder von uns kennt die Studentenklischees der verschiedenen Studiengänge. Da gibt’s den schnösligen BWL-Justus, die Jura studierende Perlenpaula und die bunt unterstreichende Grundschulmausi. Ich bin übrigens eine Medienstudentin mit unverschämt viel Freizeit, die nach ihrem Bachelor-Abschluss nur malen und klatschen kann, wenn es nach den Kommilitonen aus anderen Studiengängen an meiner Uni geht. Und ihr so?

Ich finde diese Vorurteile nicht weiter schlimm und ignoriere sie einfach, da man ihnen schon anhört, dass sie auf keiner fundierten Grundlage entstanden sind. Und ein bisschen Spaß muss bekanntlich sein. Doch dann ist mir ein Kommentar auf einer Veranstaltung einer Softwarefirma, bei der ich, insgeheim brodelnd, die brave Begleiterin spielen musste, bitter aufgestoßen:

Ich traf auf einen Mitarbeiter, männlich, 30 Jahre alt, emigrierte Fachkraft. Er fragte mich auf Englisch, was ich studiere. „Media and communications“. Seine Antwort: „Ah, das, was wir hier studiert haben“, er deutet eine weitschweifige Geste an, „ist ja viel schwerer als dein Studium.“

Da verschlug es mir erst mal die Sprache. Wie kommt diese Person auf die Idee, dass es gemeinhin Studiengänge gibt, die einfacher oder schwerer sind als andere? Weil dies wohl eine weitverbreitete Annahme ist. Doch lasst uns das mal ernsthaft in Frage stellen! Und überhaupt – hat er meinen Studiengang denn schon erfolgreich absolviert um sich eine Meinung bilden zu können?

Softwareingenieure berufen sich auf ihre Programmierfähigkeiten, die sie sich im Studium aneignen mussten. BWL-Studierende brüsten sich damit, in wirtschaftlichen Berechnungen abgeprüft zu werden. Angehende Ärzte beklagen den Lernumfang und den zeitlichen Aufwand.

ist schwerer gleich besser
Jeder von uns hat seinen persönlichen Rucksack voll schwerer Steine zu tragen, mit dem wir uns durchs Leben schleppen müssen.

Ich kann das alles verstehen. In meinem Medienstudiengang gibt es weder Programmierung oder Zahlen, noch muss ich von früh bis spät lernen. Aber ich schreibe pro Semesterferien durchschnittlich vier Seminararbeiten á 15 Seiten (wahlweise 7 Klausuren binnen 5 Tagen), die konkrete empirische Sozialforschung oder Analysen enthalten, wovon andere nie etwas gehört haben. Ich habe schon Masterarbeiten gesehen, die einfach Literatur und Studien zu einem Thema dargestellt haben – das entspricht bei uns ungefähr der einleitenden Vorarbeit, bevor es überhaupt an die Forschung geht. Dafür muss ich während meiner Studienzeit keine komplexen Berechnungen anstellen (ein Hoch auf die geschwänzte Statistik-Vorlesung – räusper) oder mich zum Beispiel mit Latein abquälen.

Würde ich behaupten, dass mein Studiengang schwerer ist als BWL oder alles andere? Nein. Es ist einfach anders. Wenn überhaupt, kann man meiner Meinung nach höchstens innerhalb der Institutionen Anspruchsdiskrepanzen ausmachen, wie etwa zwischen Unis und Fhs. Überlegt doch mal – jeder von uns hat nicht nur andere Kompetenzen, sondern auch andere Startbedingungen. Dann kommt noch hinzu, dass manch einer von den Eltern gesponsert wird, andere haben eine doppelte Belastung mit dem Nebenjob.

Von daher plädiere ich dafür, diese Vergleiche zwischen den einzelnen Studiengängen, Ausbildungen oder Jobs aufzugeben und stattdessen einander mit Toleranz zu begegnen und durch neugieriges Nachfragen seinen Horizont zu erweitern. Genauso, wie eine Reinigungskraft als Mensch nicht weniger wert als ein Arzt ist. Oder könnt ihr auf einen Blick bei jeder Person hinter die Kulissen schauen? Sehen, was sie erleben musste? Erfahren, was sie antreibt? Ob sie glücklich mit ihrem Leben/Studium/Job ist oder nicht?

Außerdem empfinde ich es als sinnlos, ständig dem Leistungsdruck der Gesellschaft entsprechen zu wollen. „Höher, schneller, weiter“ ist vielleicht für Karrieristen förderlich, mir aber ziemlich egal. Fühlt sich der Softwaremitarbeiter privilegierter, klüger und sinnvoller in unserer Gesellschaft als ich es bin, weil er – seiner Meinung nach – etwas Schwereres studiert hat als ich?

Was für ein arrogantes, respektloses und intolerantes Denken. Lasst uns das besser machen!

Wurdet ihr auch schon mal mit solchen Klischees konfrontiert, egal, in welchem Bereich? Findet ihr, man kann die Schwierigkeitsunterschiede der einzelnen Studiengänge tatsächlich ignorieren oder widersprecht ihr mir hierbei?

13 thoughts on “Ist schwerer gleich besser?

  1. Hallo Siri,
    sehr schön gesprochen bzw. geschrieben!
    Ich studiere Germanistik und da höre ich regelmäßig „Ach, da lest ihr wohl viel?“. Ja, tun wir. Vor allem Fachliteratur. Und natürlich Romane, gerne auch mal 2 pro Woche als Seminarvorbereitung. Wie soll man schließlich über Literatur diskutieren, wenn man sie nicht kennt? Und da fühlt sich die Uni-Vorbereitung dann natürlich „an wie Freizeit“, schließlich liest man im Studium ja auch nur tolle Bücher, die man privat auch lesen würde… O.o

    Finde schön, dass du das zuhören so herausstellst. Wobei ich das manchmal auch gar nicht so einfach finde, wenn das Gegenüber versucht, herauszustreichen, wie viel mehr man doch im eigenen Studiengang so studiert. Da möchte ich mich dann auch gar nicht mehr weiterunterhalten.
    Viele Grüße und einen schönen Sonntag noch,
    Jennifer

    1. Guten Morgen Jennifer!

      Danke für die lieben Worte. Das mit der vielen Forschungsliteratur kenne ich – welche dann erst mal die Grundlage bildet, bevor die Abstraktionsleistung überhaupt beginnt. Aber wer braucht schon Forschung?
      Es freut mich, dass der Beitrag auf Twitter so viel Anklang findet, weil ich denke, dass wir nur durchs radikale Infragestellen zum Umdenken anregen können. Wie du sagst, sollte dabei nicht die uralte Debatte der Fakultäten aufgewärmt werden, sondern der Fokus auf der Toleranz liegen, die uns ja allen in allen Bereichen nicht schadet!

      Schönen Sonntag und liebe Grüße!

  2. Hey!
    Ich bin gerade dabei, einen sehr ähnlichen Beitrag zu schreiben haha. Dann schau ich mal, ob ich das noch ändern kann 😀

    Gerade wenn man Kunst studiert/studieren will hört man halt nur so Sprüche. Aber in Germanistik und Kunstgeschichte musste ich das auch mehr als einmal hören. Anstatt dass sich das Gegenüber einfach freut, dass man das macht, was einem Spaß macht.. Muss sich nicht jeder durch Gesetzestexte, Medizinbücher oder Wirtschaftstexte quälen, wenn einen das doch einfach nicht glücklich macht.

    Leider bekomme ich auch immer häufiger mit, dass Stress anscheinend cool ist. Also ein so voller Terminkalender, dass man kein bisschen Freizeit mehr hat ist momentan wohl das Ziel – Ehm nein danke, dann bleib ich lieber da wo ich gerade bin 😀

    Danke für den Text!
    Liebste Grüße,
    Celine

    1. Hi Celine,

      das ist ja ein witziger Zufall 😀 Zeigt jedenfalls, dass das Thema ein Dauerbrenner ist, bei dem noch viel Gesprächsbedarf und ein Umdenken erforderlich sind.

      Stress ist tatsächlich total cool, aber auch nur, wenn man so richtig drüber jammern kann. Ich finde es ja immer ziemlich interessant zu sehen, was andere als Stress bezeichnen und wie es dagegen bei mir aussieht – aber ich akzeptiere das auch, da jeder einfach eine andere Stressresilienz hat. Von daher ist diese Jammerei irgendwie eh sinnlos und dient wohl nur dazu, sich selbst besser zu fühlen.

      Danke für deinen Kommentar und da bin ich schon auf deinen Blogpost gespannt! Verlinke uns doch auf Twitter, dann sehe ich es sofort 🙂

      Liebe Grüße und einen schönen Abend noch!
      Siri

  3. Sehr schöner Beitrag! In meinem Studiengang (Germanistik) wurde mir schon oft aufmunternd auf den Rücken geklopft und gesagt: „Haha, naja, Taxifahrer kannste ja dann immer noch werden.“ – Wow. 😀 Ist schon klar, dass momentan die Wirtschaftler oder Mediziner karrieremäßig höher angesehen werden und man als Student der philosophischen Fakultät vielleicht als ‚für die Gesellschaft unnütz‘ abgestempelt wird – man man man, wie dreist Leute über den eigenen Studiengang urteilen, den sie selber nur vom Hören-Sagen kennen. Wäre schön, wenn man einfach nur akzeptieren könnte, dass man nicht der einzige ist, der im Studium oder in der Ausbildung viel leisten musste. :’D
    Liebste Grüße,
    Ida

    1. Hi Ida,

      vielen Dank! 🙂
      Oh, du gehörst also zu denen, die im Studium nur Bücher lesen? Haha … Ich denke auch, dass sich viele etwas auf ihre „handfesten“ Lehrinhalte einbilden. Mit abstrakter Forschung können eben die wenigsten etwas anfangen, beim Rest geht’s immer „hä, empirische Sozialforschung? Nie gehört“ – ja, ist ja auch unwichtig. Aber Hauptsache, jedem erzählen, wie hart und sinnvoll das eigene Studium ist im Gegensatz zu dem philosophischen Geschwätz. Oh ja, darüber könnte ich mich jetzt endlos echauffieren!

      1. Haha, jetzt habe ich dich aber in Rage versetzt! 😀 Aber ich könnte mich darüber auch stundenlang aufregen … letztens erst ein Gespräch mit einem etwa 55-Jährigen gehabt, der allen Ernstes meinte: „Also.. die Schüler haben ja nur wenige Wochen Sommerferien… und die Studenten haben monatelang frei! Ist das nicht ein wenig unfair?“ Ich musste mich wirklich beherrschen ihm nicht ins Gesicht zu springen. Klar, richtig unfair! Endlich hat man ‚monatelang‘ frei und darf endlich all seine Klausuren und Hausarbeiten in der Zeit schreiben! Yay! Und danach hat man – wenn man Pech hat – tatsächlich eine ganze Woche, in der man gezwungenermaßen faulenzen muss. Süßes Studentenleben… 😀

        1. Oh man, bei dieser Schilderung muss ich echt aufpassen, nicht noch mehr in Rage zu geraten! 😀 Was, du hattest sogar eine ganze Woche?! Wie unfair! Aber die Leute mit pünktlichem Feierabend und 6 Wochen Urlaub im Jahr wissen das natürlich viel besser als wir.
          Wo soll man da nur anfangen … vielleicht dringt es besser in die Köpfe der Leute, wenn man ihnen mal vorrechnet, dass man weniger Geld zur Verfügung hat als ein Hartz IV-Empfänger, gleichzeitig aber ein anspruchsvolles Vollzeitstudium PLUS Nebenjob absolviert. Damit möchte ich auch gar keinen Vergleich anstreben, wäre ja Äpfel mit Birnen, aber vielleicht sehen die Menschen dann mal, was es heißt, auf dem Zahnfleisch zu kriechen. Dazu kommt, dass ich mir NIE, wirklich NIE zwei volle Tage Wochenende gönnen kann, entweder muss ich was für die Uni tun, habe Uni oder liegengebliebene Arbeit im Nebenjob von unter der Woche aufholen, da ich – surprise – Uni hatte. Und das sagen wir als geisteswissenschaftliche Studentinnen, die doch eh nur den ganzen Tag lesen oder Filme gucken 😀

          1. Du hast Klatschen und Namen tanzen vergessen! Das können wir geisteswissenschaftliche Studentinnen besonders gut… gibt’s auch nen gesonderten Abschluss dafür, direkt neben der ‚LMAA‘-Einstellung, die man sich für seine eigene Psycho noch zusätzlich zulegen sollte. :’D
            Tjaja, fast so schön wie die Frage: „Ach, den Job hier machen sie neben der Uni?“ – Ach, wo denken Sie hin, niemals! Ich mach das, weil ich sonst nicht weiß wohin mit all meiner Freizeit und weil es mir solchen Spaß macht, Spätschichten zu schieben und am Wochenende zu arbeiten, während ich nebenbei noch Krempel für die Uni durchschaue. Manche Leute… xD Da könnte man meinen, die wohnen unter einem Stein und heißen Patrick mit Vornamen. Bin froh, wenn meine B.A. dann irgendwann endlich fertig ist, dann kann ich mich meinem Traumjob (und dem aller Germanisten), dem angestrebten Taxifahren, hingeben. xDDD

          2. Haha, da musste ich jetzt echt lachen! 😀
            Stimmt, warum lässt du dich auch nicht einfach von den Eltern sponsern oder greifst aufs Bafög zurück? Dann könntest du am Wochenende auch mit zum See fahren, wenn es nach meinen Kommilitonen geht.
            Oh je, aber ich freue mich auch schon riesig aufs Ende des B.A.-Studiums. Bin ja leider schon nach 5 Semestern komplett fertig, im 6. dann auch nur noch die Bachelorarbeit, bevor ich mein restliches Arbeitsleben dann neben malen, klatschen und Namentanzen mit Fernseh gucken, Radio hören und im Internet surfen verbringe. Das wird ein Fest!

          3. Da schließ ich mich dir dann an bei den ganzen lustigen Aktivitäten, die auf uns im Arbeitsleben warten… 😀 Kann ja nicht jeder Justus heißen und die elterliche Schatzkammer als Sponsor vorweisen ;D

  4. Hallo Siri!
    Ich gehe in eine Schule für Elementarpädagogik und muss mir von anderen Jugendlichen auch immer wieder anhören, wie schwer sie es doch haben und, dass ich ja nur mit Kindern spielen müsste. Meistens kommen diese Vorurteile von Gymnasiasten, welche nach ihrem 6 Stunden Schultag und ohne zusätzliches Praktikum ja schon so gestresst sind….
    Letztendlich ist, wie bei dir, die ganze Aufregung unbegründet, aber alles ganz so einfach ignorieren fällt teilweise echt schwer, vor allem dann, wenn die Aussagen nicht der Wahrheit entsprechen.
    Alles Liebe,
    Sarah

    1. Hi Sarah,
      das klingt echt ärgerlich, wie respektlos sich manche Menschen benehmen und die eigene Leistung herabwürdigen! Dazu fällt mir spontan ein, dass deine Ausbildung für mich zum Beispiel zigmal kraftraubender wäre als das, was ich aktuell mache. Da hat doch jeder seine eigenen Stärken und Schwächen, weshalb man gar nicht pauschal sagen kann, dies oder das wäre leichter oder schwerer. Wahrscheinlich hilft bei diesen Vorurteilen ein sachliches Gespräch am besten, sodass dem Gegenüber mal die Augen geöffnet werden, was Tatsache ist und was Vorurteil 🙂
      LG Siri

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