Tagebuch früher und heute

Seit der zweiten Klasse, also seit etwa 17 Jahren, führe ich ein Tagebuch. Natürlich nicht dasselbe wie damals – zwölf Bücher voller Berichte, Gedanken und Erinnerungsfetzen türmen sich mittlerweile in einem Karton. In einem älteren Post hatte ich euch ja bereits „10 Gründe, ein Tagebuch zu führen“ geliefert. Aber ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass die Motive zum Tagebuchschreiben stark variieren – überlegt nur mal, was euch als Grundschüler(in) wichtig war und was ihr dagegen als Jugendliche(r) notiert hättet. Auch mein Tagebuch hat über die Jahre hinweg verschiedene Rollen eingenommen:

Grundschule

  • Funktion: Berichtsheft
  • Inhalte: Ereignisse von Schultag bis Schlittenfahren, ab und zu mit persönlicher Wertung („M ist in S verliebt – igitt!“ oder „Ich finde Präsident Busch und den Krieg in Woschingten doof!“)
  • Stil: Ab der dritten, vierten Klasse gerne im Präteritum, wie für einen Aufsatz im Deutschunterricht oder wie ich es aus Büchern aufschnappte
  • Schrift: Erst krakelige Druckbuchstaben, dann geschwungene Schreibschrift, später wieder (etwas kleinere) Druckschrift

Teenagerzeit

Tagebuch früher und heute
Mit 13 war ich süchtig nach DSDS und GNTM – irgendwie schon peinlich.
  • Funktion: Fangirl-Sammlungen, Gefühlsordnung, Trost
  • Inhalte: Ihr glaubt nicht, wie viele Zeitungsschnipsel zu DSDS und Germany´s next Topmodel aus meinen Tagebüchern dieser Zeit flatterten. Ansonsten finden sich hier vermeintlich bahnbrechende Erlebnisse, haarsträubende Zukunftspläne („Den will ich mal heiraten!“) und Liebeskummer – immer mit der Bemühung, mir Klarheit über meine Lage zu verschaffen.
  • Stil: sprunghaft, emotional
  • Schrift: Ein drastischer Wandel von Kindergekrakel über riesige, runde Lettern mit „xD“-Smilies bis hin zur heutigen schmucklosen Erwachsenenschrift.

Zwischen Abi und Studium

Tagebuch früher und heute
Tagebücher als Konservendosen vergangener Erinnerungen? Irgendwann nahm das ständige Zurückblicken überhand.
  • Funktion: Erinnerungen und Traditionen festhalten
  • Inhalte: Während der Ausbildung steckte ich in der immergleichen Routine fest und hatte Angst vor Veränderungen. Zusammen mit dem Tagebuch klammerte mich an denselben Wohnort, den falschen Mann, irgendwelche Besitztümer und unreflektierte Gewohnheiten. Ich erhoffte mir Sicherheit und Geborgenheit und blätterte ständig ein paar Seiten zurück – in Wahrheit war ich unterfordert und frustriert.
  • Stil: ängstlich-emotional, gleichförmig
  • Schrift: so wie heute

Jetzt

Tagebuch früher und heute
Heute nutze ich das Tagebuch vor allem zum schriftlichen, eher rationalen Nachdenken, für kreative Einfälle und für die Morgenseiten.
  • Funktion: Erkenntnisgewinn, Achtsamkeit, Ordnung
  • Inhalte: Seit meinem Studium ändert sich vieles um mich herum ständig und das ist gut so. Gefühle spielen eine geringere Rolle in meinen Einträgen, stattdessen bringe ich hier Ordnung in meine vielen Erkenntnisse, z.B. in der Persönlichkeitsentwicklung. Bevor ich mit dem Führen eines Kalenders begann (hierzu liefert euch Siri Inspiration), half mir das Tagebuch dabei, meine Pläne zu strukturieren und produktiver zu sein. Neu sind die Morgenseiten, die ich (nicht mehr jeden Tag, aber ab und zu) brauche, um im Alltagschaos für einen bewussten Moment achtsam und dankbar zu sein (hier erfahrt ihr mehr über mein Experiment Morgenseiten).
  • Stil: authentisch, mehr sach- als gefühlsbezogen
  • Schrift: unverändert

Vom Erlebnisbericht über Gefühlswirrwarr bis hin zur persönlichen Weiterentwicklung – mein Tagebuch ist schon in viele Rollen geschlüpft. Aber manche Dinge haben sich nicht verändert: Bis heute ist mein Tagebuch die erste Anlaufstelle für kreative Einfälle und Wortspielereien. Hier habe ich Spaß am Formulieren und Wortjonglieren und das völlig ohne Schreibblockade, denn es erwartet ja niemand etwas von mir. Im Resümee mag und brauche ich mein Tagebuch heute wie damals. Nur unsere Beziehung hat sich verändert.

Führt ihr ein Tagebuch? Was für eine Rolle übernimmt es für euch – hat sie sich zwischenzeitlich verändert?

6 thoughts on “Tagebuch früher und heute

        1. Respekt, du bist echt diszipliniert! Ich könnte mir vorstellen, dass sich auch bei deinen Aufzeichnungen etwas bzgl. der Themen oder der Art, wie du sie notierst, geändert hat über die Jahre hinweg. Vielleicht inspiriert dich das ja auch bei Gelegenheit zu einem Blogpost. 🙂 LG

  1. Schön zu sehen, dass andere auch so obsessiv alles aufgeschrieben haben 😀 Die meisten tagebüchlichen Ergüsse stammen bei mir aus der Jugendzeit und da war mein Schreiben vor allem eines: Sehr dramatisch und hyperemotional! Irgendwann habe ich dann mit den Tagebüchern aufgehört und heutzutage empfinde ich tatsächlich meinen Blog als das, was den Tagebüchern von früher am nächsten kommt. Nicht ganz so pathetisch (hoffe ich), aber auf jeden Fall der Ort, an dem ich reflektiere und so gesehen auch Erinnerungen festhalte. Zum handschriftlichen Schreiben reicht es bei mir irgendwie nicht mehr; ich hab immer mal wieder versucht, brav Morgenseiten zu schreiben, aber bisher nie durchgehalten …

  2. Haha, meine Teenie-Tagebücher können mit deinen in Sachen Dramatik sicherlich mithalten! 😀 Mit dem Blog scheinst du ja dann eine gute Alternative zum handschriftlichen Tagebuch gefunden zu haben. Mir verhelfen auch viele Blogposts zu neuen Erkenntnissen, für private Dinge brauche ich aber immer noch mein Tagebuch. Die Morgenseiten führe ich auch je nach Phase häufiger oder seltener. Letztendlich haben sie ja nur einen Sinn, wenn sie freiwillig und nicht aus einem Pflichtgefühl heraus geführt werden. Aus welchem Grund wolltest du denn Morgenseiten führen und woran scheiterte es? 🙂

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