Vorwürfe und Selbsthass

Ich lerne gerade neue Menschen kennen, und wie das so ist, tasten wir uns natürlich gegenseitig etwas ab. Dabei rutscht mir immer wieder unsicher derselbe Satz raus: „Sorry, falls das jetzt blöd war, mir wurde genau dies schon einmal vorgeworfen.“ Und die anderen antworten „Ach Quatsch, dafür brauchst du dich doch nicht zu entschuldigen!“ Ja, warum entschuldige ich mich ständig für mich selbst?

Ich bin kein Mensch mit einem besonders großen Selbstbewusstsein, vor allem als Kind oder Teenager war ich sogar selbstzerstörerisch veranlagt. Selbsthass trifft es ganz gut. Und wenn ich mir so ansehe, was mir schon alles vorgeworfen wurde, wundert mich nichts mehr. Es ist ein Teufelskreis: Menschen mit geringem Selbstbewusstsein noch mehr zu erniedrigen, damit auch das letzte Fünkchen gar verloren geht und sie sich am Ende selbst niedermachen. Spoiler: Fördert Depressionen und Schlimmeres.

Klar, habe auch ich schon viele meiner Mitmenschen für völlig abwegige Sachen kritisiert. Das tut mir aufrichtig leid. Heute weiß ich es besser und sage in solchen Situationen „du bist völlig okay so, wie du bist, nur für mich funktioniert diese Eigenschaft einfach nicht.“ Diese Ich-Botschaften sind nicht nur weniger angreifend, sondern bringen dem Gegenüber Respekt und Wertschätzung entgegen. Auf dieser Ebene lässt sich dann auch objektiver drüber reden, als wenn ihr gleich mit einem Kampfjet durch die Haustür düst.

Warum gibt es Vorwürfe?

Meine Vermutungen, was hinter Vorwürfen steckt, sind: Andere machen uns kleiner, um selbst größer zu wirken. Andere wollen uns so haben, wie es ihnen in den Kram passt. Andere lassen ihre Emotionen an uns aus. Andere möchten uns manipulieren oder instrumentalisieren.

Die folgende Liste enthält alle Vorwürfe von Männern, an die ich mich erinnere. Mit Sicherheit habe ich Vorwürfe vergessen und sowas wie „Du bist eine Schlampe“ gar nicht erst aufgeführt, da normal für Mädchen.

  • Ich bin zu dick.
  • Ich habe einen fetten Arsch.
  • Ich habe zu viel Muskeln.
  • Ich habe keine zierlichen Schultern.
  • Ich mache (mir) zu viel Stress.
  • Ich will zu viel.
  • Ich bin zu fleißig.
  • Ich bin zu schlau.
  • Ich bin komisch.
  • Ich rege mich zu schnell und zu sehr auf.
  • Ich bin zu ruhig.
  • Ich bin zu schüchtern.
  • Ich bin zu lustlos.
  • Ich bin eiskalt.
  • Ich bin zu anhänglich.
  • Ich rede „zu schlau“.
  • Ich rede zu wenig.
  • Ich bin zu spießig.
  • Ich bin zu ernst.
  • Ich bin zu kindisch.
  • Ich bin rücksichtslos.
  • Ich denke zu viel nach.
  • Ich bin zu unspontan.
  • Ich habe Pickel.
  • Ich studiere etwas „Einfaches“ und bin in unserer Gesellschaft deshalb weniger wert.
  • Ich beharre gelegentlich auf meiner Meinung.
  • Ich behalte immer die Kontrolle über mich.
  • Ich habe Falten unter den Augen.
  • Ich bin zurückhaltend.

Und diese Vorwürfe kamen von Frauen:

  • Ich bin hässlich.
  • Ich bin erfolglos.
  • Ich bringe keine Leistung.
  • Ich bin nichts wert.
  • Ich bin zu faul.
  • Ich habe keinen Anstand.
  • Ich bin respektlos.
  • Ich bin zu anders.

Ihr erkennt den Witz an diesen Vorwürfen selbst, oder? Ich kann sie fast nicht ernst nehmen, da sie sich teilweise widersprechen und ich nur ein Spielball dazwischen bin, an dem man nebenbei mal seine Laune auslassen kann. Und um auf das Beispiel aus der Einleitung zurückzukommen: Diese Vorwürfe machen definitiv etwas mit uns, verankern sich in unseren Gedanken und bringen mich sogar heute noch dazu, mich für Dinge zu entschuldigen, die anderen nicht an mir passen. Könnt ihr euch vorstellen, was das mit einem Teenager macht, der extrem unsicher ist und sich die ganzen Vorwürfe mit viel Selbsthass zu Herzen nimmt?

Ich finde das einfach nur traurig.

Welchen Vorwürfen wart ihr schon ausgesetzt? Von wem kamen sie? Wie seid ihr damit umgegangen? Beeinflussen sie euch bis heute?

Bildquelle: harshvardhanart/Pixabay

 

5 thoughts on “Vorwürfe und Selbsthass

  1. „Du redest so komisch“ war zu Schul- und selbst zu Studienzeiten immer ein Standardvorwurf. Damals hat mich das sehr getroffen, weil ich dadurch das Gefühl hatte, nie in irgendeine Gruppe zu passen – das ging bis zur Journalistenschule so, da haben dann alle „komisch“ geredet und dann war endlich mal alles gut 😀

    Die ganzen Körpervorwürfe (zu dick, zwei Nasen, Pickel, etc., etc. ….) kenne ich auch nur zu gut, kein Wunder, dass ich da mein Buch drüber geschrieben habe. Und trotz dieser „Verarbeitung“ hab ich auch heute noch körperliche Selbstzweifel, was mich wahnsinnig macht, weil es wirklich soooooo unwichtig ist, ob jetzt zwei Kilo mehr oder kleine Brüste oder was weiß ich. Ich hoffe sehr, dass auch das irgendwann wirklich ganz aufhört!

    1. Hi Myriam,

      erst mal sorry für die späte Antwort, bei uns liefen seit März alle Kommentare direkt in den Papierkorb 🙁

      Danke, dass du die Vorwürfe, die du dir schon anhören musstest, mit uns geteilt hast! Ich denke auch, dass es ein guter Schritt ist, sich dieser falschen Anschuldigungen bewusst zu werden, von außen zu sehen und sie so von sich schieben zu können. Und du hast sie sogar schriftlich in deinem Buch verarbeitet – wow! Da wünsche ich dir auf jeden Fall, dass dein Weg noch weiter aufwärts geht, denn die fiesen Selbstzweifel sind nichts als Hirngespinste, die uns andere Menschen eingeflüstert haben. Und was den Körperkult betrifft, bin ich absolut deiner Meinung!

      Liebe Grüße
      Siri

  2. Liebe Siri,
    danke für Deinen offenen Beitrag. Ich kann mich da nur anschließen.. z.B. wurde ich schon als Kind von meinen Cousins immer als „zu dick“ bezeichnet – dahinter steckte keine böse Absicht; einfach ältere Jungs, die ihre kleine Cousine ärgern. Doch dieser Vorwurf hat sich in meinem Gehirn festgesetzt und noch heute habe ich oft genug Tage, an denen ich meinen Körper hasse und finde ich wäre zu dick. Keine Ahnung, ob das damit zusammenhängt, aber hängen geblieben ist es definitiv.
    Hinzukommt natürlich, dass ich trotz super Abitur „nur eine Ausbildung“ gemacht habe und deshalb in den Augen vieler auch weniger Wert bin. Zum Teil hatte ich daran auch etwas zu knabbern, aber mittlerweile stehe ich darüber.
    Letztendlich muss ich gestehen, dass die meisten Vorwürfe in meinem Leben wohl von mir selber kommen. D.h. ich werfe mir selber viel zu oft vor ich wäre zu faul/nicht ehrgeizig genug/zu untrainiert/zu schüchtern/zu arrogant/zu wehleidig.. oh man. Mir ist in der Situation selbst oft bewusst, dass dies nicht der (ganzen) Wahrheit entspricht und dass diese Aussage von vielen äußeren Umständen beeinflusst wird, weshalb sich meine Vorwürfe auch oft selbst widersprechen. Trotzdem nehme ich mir diese Dinge immer furchtbar zu Herzen.
    Während ich das schreibe, muss ich allerdings gerade über mich selber lachen – es ist einfach so absurd, was das eigene Gehirn manchmal so treibt. 😀
    Liebe Grüße,
    Miriam

    1. Hi Miriam,
      tut mir leid, dass ich deinen Kommentar jetzt erst beantworte, bei uns liefen die leider seit März direkt in den Papierkorb 🙁

      Klingt ganz danach, als hätte sich das Dicksein in deinem Kopf schon durch die Hänseleien festgesetzt. Mir erging es da in der Kindheit und Jugend leider genauso, sodass ich ganz lange ein gestörtes Selbstbild von meinem Körper hatte. Erst mit Anfang 20, als ich das gewohnte Umfeld und auch die Menschen verlassen habe, die mich dahingehend manipuliert hatten, konnte ich eine liebevolle Beziehung zu mir selbst eingehen. Wobei das auch stark schwankt, aber der Grundtonus bleibt bei „ich mag mich“.
      Es zerreißt mir das Herz, wenn ich lese, dass du dir selbst so viele Vorwürfe machst. Du bist eine tolle junge Frau, die etwas kann! Ich weiß, dass das extrem komisch und lächerlich klingen mag, aber sage dir diesen Satz doch selbst mal. So konnte ich mein Selbstwertgefühl und dadurch auch Selbstbewusstsein von einen Tag auf den anderen enorm steigern (was mich selbst immer noch sehr verwundert, aber hat geklappt!). Du hast deine persönlichen und beruflichen Kompetenzen, du hast Menschen, die dich lieben und sicher auch Hobbys, die dich erfüllen. Und wenn du mit einer Sache an dir nicht zufrieden sein solltest, dann ändere sie ganz einfach! In meiner Reihe „Sich selbst neu erfinden“ verarbeite ich diesen Prozess selbst gerade, vielleicht findest du da noch die ein oder andere Inspiration.
      Ansonsten glaube ich, dass du auf einem sehr guten Weg bist, da du die fiesen Selbstzweifel schon weglachen kannst 🙂 Mach weiter so!

      Liebe Grüße
      Siri

      1. Liebe Siri,
        das ist überhaupt kein Problem! 🙂

        Ja, da hast Du vermutlich Recht. Das komische ist, dass ich eigentlich eine sehr gute Selbstreflexion habe und vernünftig denke, d.h. ich weiß eigentlich sehr gut, dass ich mir solche Worte und Vorwürfe nicht zu Herzen nehmen muss. Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Denn trotzdem kommt es vor, dass ich an manchen Tagen aufgrund von Zweifeln in Selbstmitleid und Selbstvorwürfen versinke. Das bleibt zwar meistens bei einzelnen Vorfällen, es ist jedoch auch ein Thema an dem ich stetig arbeiten muss – ich schaue mir gerne dazu mal Deine Reihe an!

        Es freut mich, dass Du mit Dir selbst im Reinen bist und Dich nicht mehr runterziehen lässt! Es ist sehr wichtig, dass man sich mit Menschen umgibt, die einen stützen und lieben, so wie man ist – das stelle ich selbst immer wieder fest. Von dem Rest kann man sich dann getrost verabschieden. 🙂

        Ich wünsche Dir einen wunderbaren Start in die (hoffentlich) sonnige Woche,
        Miriam

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