Glotzophobie

Habt ihr oft das Gefühl, beobachtet zu werden? Oder lebt ihr munter vor euch hin, ohne euch der Umgebung wirklich bewusst zu sein?

Bei mir ist definitiv ersteres der Fall. Fran und ich nennen das Glotzophobie. Sobald ich irgendwo andere Menschen erspähe, fühle ich mich von ihnen angestarrt. Manche tun das ja auch, vor allem Autofahrer auf vorbeigehende Fußgänger. Ich hasse das so sehr, dass ich an den meisten Tagen am liebsten unsichtbar wäre. Warum sind so viele unserer Mitmenschen schamlose Glotzer? Vermutlich aus Neugier, Langeweile oder weil sie sich freuen, jemanden ihrer biologischen Art zu erspähen. Vermutlich auch aus persönlichen Gründen: Vergleiche mit anderen („ist er/sie dünner als ich?“), Boshaftigkeit („ist der/die heute wieder peinlich!“) oder mangelndem Selbstwertgefühl („seine/ihre Haare sind viel kaputter als meine“). Diese Motive kommen uns doch allen bekannt vor, oder?

Meine schlimmsten Situationen

An einer Straße entlanglaufen: Ohne Witz, haben Autofahrer nicht genug mit ihrem Fahrzeug und dem Verkehr zu tun? Müssen sie mich beim Vorbeifahren auf dem Gehweg auch noch anstarren? Oder, schlimmer noch, den ganzen Kopf mitdrehen, wenn ich vor ihnen die Ampel überquere? Und vor allem könnte in diesen Autos jeder sitzen, auch meine Dozenten oder Kommilitonen, denen ich eigentlich nicht begegnen will. Ganz toll, wie sie mich beim Schleppen der Einkäufe angaffen. Oder wie ich schwitzend den steilsten Berg der Stadt hinaufächze. Hilfe! Lösung für Unsoziale: Immer auf der rechten Straßenseite in Richtung des Verkehrs gehen und im Sommer eine Sonnenbrille aufsetzen. Gilt vor allem bei vollgestopften Bussen und Bushaltestellen am Straßenrand.

Im Hörsaal/Klassenzimmer sitzen: Die letzte Reihe ist nicht nur für die coolen Kids reserviert, sondern auch für jene mit Glotzophobie. Denn so kann mich niemand von hinten beobachten, nicht auf meinen Laptop starren und mir nicht ins Genick husten. Oder mir Brösel ins Genick schnippen. Oder in Hörsälen die Flasche/den Laptop auf den Kopf fallen lassen. Das ist mir alles schon passiert! Der Platz in der letzten Reihe ist einfach nicht verhandelbar. Punkt. Lösung für Unsoziale: Immer rechtzeitig kommen und notfalls alle anderen dreist aufstehen lassen, damit ihr reinrutschen könnt.

Sich modisch kleiden: Bei diesem Punkt bin ich mir unschlüssig. Es ist so: Ich würde mich gerne oft modisch und etwas verrückter kleiden, allerdings hasse ich es ja, angestarrt zu werden. Und genau das provoziert man doch mit seiner Kleidung – ein Dilemma! Lösung für Unsoziale: Entweder genug Selbstbewusstsein erlangen und Blicke in Kauf nehmen oder modisch einen Gang zurückschalten. Mode und Studentenleben schließen sich finanziell eh aus.

Glotzophobie

Zuhause leben 1: Tür zu! Ich könnte nie damit leben, meine Zimmertür offen zu lassen. Was wäre das denn für ein Leben, wenn jeder beim Vorbeigehen hineinglotzen könnte?! Ein angespanntes. In den USA kam das bei meinen verschiedenen Gasteltern gar nicht gut an, weshalb ich meine Tür eben offen ließ und diese wiederum beim Schlafen beobachten konnte. Ich hätte gerne eine Prise Privatsphäre zum Mitnehmen, bitte! Lösung für Unsoziale: Wenn ihr die Tür nicht schließen könnt, lehnt sie an und lauscht auf sich nähernde Schritte.

Zuhause leben 2: Licht ist gut und schön, aber Fenster ein absoluter Alptraum. Am schlimmsten sind Wohnblöcke, bei denen die Nachbarn von gegenüber oder die Fußgänger von der Straße aus reinglotzen können. Wer denkt sich solche Foltermethoden aus??? Lösung für Unsoziale: Vorhänge, Vorhänge, Vorhänge und abends frühzeitig die Rollos herunterlassen.

Öffentliche Verkehrsmittel: Ich habe noch nie verstanden, warum 99% der Fahrgäste einen anstarren müssen, sobald man Bus oder Bahn betritt. Was habt ihr davon? Lösung für Unsoziale: Finster zurückstarren.

Leben mit Glotzophobie

Meine Lösungsvorschläge sind natürlich nur die Behandlung der Symptome, nicht die der tieferliegenden Ursache: der Glotzophobie. Ich wünschte, ich hätte ein Allheilmittel, das mich die Glotzer um mich herum vergessen ließe. Bis dahin versuche ich:

  • andere Menschen nicht anzuglotzen, um sie nicht zu bewerten. Das gibt mir das Gefühl, dass diese es auch nicht tun. Klappt allerdings nicht an der Straße – dort halte ich den Blick stets gesenkt (kontraproduktiv).
  • meine Gedanken auf etwas anderes zu fokussieren, zum Beispiel ein Hörbuch.
  • mich in gewissen Situationen unauffällig zu verhalten, damit niemand auf die Idee kommt, mich anzuglotzen (kontraproduktiv).

Ich habe gelesen, dass das Merkmal der Glotzophobie unter anderem auf Menschen mit Sozialangst zutrifft. Generell glaube ich, dass ich dahingehend ein paar „Neigungen“ habe, an denen ich nach und nach arbeiten möchte. Deshalb ist nun meine Bitte an euch „Normalos“:

Schildert doch mir und allen anderen, die unter Glotzophobie leiden, wie ihr mit diesen Blicken umgeht! Seid ihr euch deren überhaupt bewusst oder ignoriert ihr sie einfach? Was ist, wenn euch etwas Peinliches passieren sollte und alle glotzen hin? Verspürt ihr keinen Groll gegen all die schamlosen Gaffer?  

glotzophobie___
Fotos: pixabay

 

 

6 thoughts on “Glotzophobie

  1. Hm, ich habe nur bei einigen wenigen Leuten das Gefühl, dass sie mich anstarren. Keine Ahnung. Ich bin leider nicht mehr unsichtbar, mich kennen zu viele Leute. Und ich gebe mir immer Mühe, nicht daran zu denken, dass mich andere anstarren. Und bei Vorträgen denke ich immer, dass sich alle freuen, mich zu sehen… Klappt meistens.

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