Sport früher und heute

Die Supermärkte sind voll mit Fitnessfood und Supplements, auf Instagram präsentieren sich alle als #fit und Nichtsportler gelten als ausgestorbene Spezies. Auch an mir ist der Fitness-Hype nicht spurlos vorbeigegangen. Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen Sport früher und heute?

Wenn ich an Sport früher denke, kommt mir als erstes der obligatorische Schulsport in den Sinn. Speckige Matten, muffige Umkleiden und demotivierte Schüler, die in der eiskalten oder stickig-warmen Turnhalle im Kreis trabten. Außerdem habe ich ein paar Jahre Faustball (das ist so ähnlich wie Volleyball) im Verein gespielt. Es ging mir vor allem um den Spielspaß mit der Mannschaft, aber einen wirklichen Ehrgeiz hatte ich als Teenie nicht. Statt cooler Fitnessmode trug man alte Sachen, Sport-BHs kannte ich nur vom Hörensagen und nach dem Training oder Turnier stärkte man sich mit Spezi und Wiener vom Hausmeisterservice der Schulturnhalle. Ob mir damals die Optik wichtig war? Nun, ich prüfte vor jedem Training gründlich, ob meine Haarklammern fest saßen. Muskeln bei Frauen fanden mein Umfeld und ich damals hässlich. Das war etwas für Profisportler und Bodybuilder. Schlank sein und sportlich, vielleicht ein paar Bauchmuskeln – mehr war nicht gewünscht.

Und wie war es bei den Jungs? Ich kann mich noch genau erinnern, dass zwei aus meiner damaligen Klasse NICHT in einem Fußballverein spielten und dafür regelmäßig verspottet wurden. Wer nicht kickte, galt als Weichei. Fitnessstudios waren für U18 sowieso kein Thema. Und dann gab es schließlich noch die Riege der Nichtsportler, die damals – ihr werdet es nicht glauben – gesellschaftlich anerkannt waren. Während sich die Bewegungsfaulen heute unter dem Deckmantel „Ich mache Pilates“ oder „Ich gehe ab und zu joggen“ vor eifrigen Sportmissionaren schützen, war damals „Sport ist Mord“ ein geradezu T-Shirt-druckreifes Statement und zeugte von Lässigkeit.

Sport
Fitness ist für viele eine Lebenseinstellung. Teilweise ziehe ich mit, teilweise erscheint mir das sehr befremdlich – wie geht es euch damit?

Der Fitness-Hype und ich

Wie wird Sport heute angesehen? Ich würde sagen, dass Nichtsportler und Fastfood-Fans ungefähr so out sind wie Socken in Sandalen. In einer Zeit der Selbstverwirklichung und Nachhaltigkeit geht es darum, Kontrolle über sich zu haben, Leistung zu erbringen, gut auszusehen und dabei am besten noch die Umwelt zu schonen. Meiner Meinung nach ist das wirklich mal ein sinnvoller Trend, denn was könnte besser sein, als wenn die Menschen mehr auf eine gesunde Ernährung und viel Bewegung achten? Ich gebe zu, dass er mich auch ziemlich beeinflusst hat. Hier ein Bauchspeck-Check vor dem Spiegel, da ein heimliches Vergleichsfoto – mein Schönheitsideal hat sich definitiv verändert. Sportlich ist das neue schlank. Außerdem achte ich mehr auf gesunde, ausgewogene Mahlzeiten, denn Sport und Ernährung sind heute schier untrennbar. Nach dem Training Bratwurst und Bier gibt es vielleicht noch im Fußballverein, sicherlich aber nicht unter Gym-Freaks.

Womit wir beim Thema Fitnessstudio wären: Bei allen positiven Aspekten kann ich mich mit dem Körperkult nicht so ganz identifizieren. Denn beim Sport geht es mir mehr darum, ganzheitlich und auch geistig gefordert zu werden. Mich reizt das „Pumpen“ am Gerät nicht. Ich sehe Essen nicht nur als Ernährung, die sich in Makro- und Mikronährstoffe aufspalten lässt. Und ich habe kein Interesse daran, meinen Körper und meine Gesundheit bei jedem Training in den Mittelpunkt zu rücken, die Kontrolle über den ganzen Organismus zu haben, mein Ich als Leistungssystem zu sehen. Das ist natürlich überspitzt formuliert und kann nicht pauschalisiert werden. Ich finde es nur befremdlich, wenn vor allem Männer nur noch etwas zu gelten scheinen, wenn sie eine „Kante“ statt ein „Lauch“ sind, wenn sie sich über Wiederholungen beim Bankdrücken definieren und wenn ein Trainingsausfall das größtmögliche Drama darstellt. Aber wer Spaß an Fitness hat und die nötige Vernunft mitbringt, tut seinem Körper sicherlich etwas Gutes. Ich hole jetzt erstmal meine „Killer Abs“-DVD von Jillian Michaels raus, esse danach eine proteinreiche #quarkbowl und sehe mir dabei eine Reportage über Crossfit an – man kommt wohl nicht ganz vorbei am Fitness-Hype. 😉

Was bedeutete Sport früher für euch und was heute? Wie bewertet ihr den Fitness- und Ernährungstrend? Haben sich euer Schönheitsideal und eure Einstellung zu Essen und Sport dadurch verändert?

3 thoughts on “Sport früher und heute

  1. Den Beitrag finde ich super! Wie kaum ein Bereich des täglichen Lebens hat sich sportliche Betätigung so sehr von reiner Zweck- und Freizeitbeschäftigung einiger Weniger hin zur Lebensphilosophie großer Bevölkerungsteile entwickelt. Ich meine damit weniger die etablierten Mannschaftssportarten, wie Fußball etc. Das gab’s schon immer. Sondern mehr die Spielarten körperlicher Betätigung, die auch bei der Selbstfindung und Stressbewältigung helfen, wie Joggen, Radfahren, Wandern, Klettern etc. Dazu braucht man auch keinen Verein oder eine miefige Turnhalle. Ich selbst habe einen anstrengenden Beruf als Landwirt und bräuchte eigentlich gar nicht so viel zusätzliche Aktivität. Aber mir hilft ein bisschen Sport auch wunderbar, den Kopf wieder mal frei zu bekommen oder beim Joggen ein paar schöne und positive Gedanken zu entwickeln. Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, als man als „Dauerläufer“ so exotisch angesehen wurde, dass sich viele Spaziergänger mit „Eins-Zwei – Eins -Zwei“ Rufen über einen lustig machten. Heute käme keiner mehr auf so eine blöde Idee. Viele denken sich jetzt beim Anblick eines Joggers oder einer Joggerin wohl eher: „könnte mir vielleicht selbst mal wieder ganz gut tun.“
    Jan Peter

    1. Hallo Jan Peter,

      den Aspekt mit der Stressbewältigung finde ich sehr interessant, daran habe ich gar nicht gedacht. Tatsächlich passt dieses Phänomen in unser Zeitalter der Selbstverwirklichung, das zugleich ja von höheren Leistungsanforderungen geprägt ist. Dein Beispiel mit dem Joggen zeigt sehr gut und amüsant, wie sich auch die öffentliche Wahrnehmung von Sportlern (nicht nur von den von mir beschriebenen Nichtsportlern) verändert hat – vielen Dank! 🙂

      Viele Grüße
      Fran

Kommentar verfassen